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Judenfeindlichkeit - Wikipedia

Judenfeindlichkeit

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Judenfeindlichkeit (auch: Judenhass, Judenfeindschaft) ist die pauschale Ablehnung von Juden oder des Judentums aus verschiedenen Motiven und mit verschiedenen Ausprägungen. Heute wird auch der um 1879 von Judenfeinden geprägte Begriff Antisemitismus als Oberbegriff für alle Arten von Judenfeindlichkeit verwendet.

Juden waren in der Geschichte in vielen Ländern oft einer Feindschaft ausgesetzt, die sich unterschiedlich zeigte und auswirkte: von Verleumdung, Diskriminierung, Unterdrückung, Verfolgung bis hin zu Pogromen, Vertreibung und/oder Ermordung. Dies betraf:

In manchen Staaten und Regionen existiert diese Ablehnung bis heute fort und richtet sich gegen:

Inhaltsverzeichnis

Überblick

Die Formen von Judenfeindlichkeit haben je eigene Hauptmerkmale, die historisch voneinander unterschieden werden. Zugleich bestehen Kontinuitäten zwischen ihnen: Dazu gehören antijüdische Stereotype von Juden als „Feinden der Menschheit“ (Antike), „Gottesmördern“, „Wucherern“, „Ritualmördern“, "Brunnenvergiftern" (Mittelalter und Neuzeit), „Parasiten“, „Verschwörern“, „Drahtziehern“ aller möglichen politischen und ökonomischen Katastrophen, Betreibern einer „Zersetzung“ der Nationen (19. Jahrhundert), die allesamt bis in die Gegenwart hinein fortwirken. Verunglimpfende antijüdische Karikaturen aus verschiedenen Zeiten ähneln sich. Auch die Verschwörungstheorie eines die Weltgeschicke dominierenden Weltjudentums kehrt immer wieder.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde ein rassistischer Antisemitismus zur staatlichen Doktrin und begründete den staatlich organisierten und industriell vollzogenen Holocaust an gut zwei Dritteln aller europäischen Juden. Um diese tiefe Zäsur in der Geschichte Europas, ihre Entstehungsbedingungen und Wurzeln zu begreifen, hat sich seit 1945 eine Antisemitismusforschung gebildet. In dieser werden sämtliche Formen von Judenfeindlichkeit hinsichtlich ihrer Eigenarten, Kontinuitäten und Diskontinuitäten intensiv und fächerübergreifend erforscht.

Dabei besteht keine Einigkeit über die sachgerechte Benennung des epochenübergreifenden Phänomens. Da Entstehung, Gemeinsamkeiten und Unterschiede von antiker, christlicher, neuzeitlicher und gegenwärtiger Judenfeindlichkeit noch unzureichend erforscht wurden, trifft man oft eine begriffliche Konfusion an: So werden antike und mittelalterliche Judenverfolgung, aber auch heutige antizionistische und anti-israelische Haltungen oft pauschal als „Antisemitismus“ eingeordnet, auch wenn sie nicht rassistisch motiviert sind.

Besonders die deutschsprachige Forschung bezieht den Begriff „Antisemitismus“ meist auf die Epoche, seit Judenfeinde diesen Begriff erfanden (1879) und spricht für die Zeit, seit sie völkisch und rassistisch argumentierten (1789), von einem „Frühantisemitismus“. Ältere, vorwiegend religiös motivierte und begründete Judenfeindlichkeit wird als „Antijudaismus“ davon unterschieden. Besonders in der israelischen und angelsächsischen Forschung hat sich „Antisemitismus“ dagegen als Oberbegriff für die fundamentale Ablehnung alles „Jüdischen“ seit der Antike eingebürgert.

Damit wird allerdings der von Judengegnern ideologisch geprägte Rassenbegriff indirekt übernommen. Dies unterstellt unter Umständen auch dort Ausrottungsabsichten, wo diese nicht vorhanden waren. Andererseits kann der Begriff „Judenfeindlichkeit“ Tendenzen, die schon vor 1870 mit Abstammung, Volkszugehörigkeit und „Blutsverwandtschaft“ argumentierten und auf kollektive Unterdrückung, Vertreibung und Auslöschung aller Juden hinausliefen, übersehen und einebnen. Auch erfasst dieser unspezifische Oberbegriff noch nicht die besondere Ablehnung „des Jüdischen“, die auch ohne reale Juden funktioniert. Darin deutet sich das Problem einer allgemein gültigen Definition des Phänomens an.

Nach dem Zitat des Patriarchen aus Gotthold Ephraim Lessings Drama Nathan der Weise wurde Juden oft das Existenzrecht abgesprochen, bloß weil sie Juden sind: Tut nichts, der Jude wird verbrannt. Das zu Grunde liegende Phantombild, das im Nationalsozialismus paranoide Dimensionen annahm, besagt: Juden seien per se verkommen, böse und verdorben. Als „typisch“ für sie gilt dann alles, was diesem Negativbild entspricht; Was ihm widerspricht, kann nichts mit dem Judesein zu tun haben und wird als Verstellung angesehen.

Prinzipielle Judenfeindschaft tendiert bei all ihren widersprüchlichen Begründungen letztlich zur völligen Auslöschung des Judentums: sei es, indem es zur überholten und „verworfenen“ Religion erklärt wurde, sei es, indem es einem allgemeinen humanen „Fortschritt“ zum Opfer gebracht werden sollte oder zum Untergang durch den Selbstbehauptungskampf einer überlegenen „Rasse“ bestimmt wurde. Diese irrationalen pauschalen Judenbilder gelten als Beispiel für Bildung von Vorurteilen und politische Instrumentalisierung daraus konstruierter Feindbilder (Wolfgang Benz). Sie haben sich über die Jahrhunderte als außergewöhnlich stabil und wandlungsfähig erwiesen. Weshalb dieser Hass in Europa immer wieder besonders Juden traf und gerade in Deutschland zu einem systematischen staatlichen Ausrottungsversuch führte, ist noch nicht zureichend erklärt.

Antike Judenfeindschaft

Die Großreiche der Antike - Ägypter, Assyrer, Babylonier, Perser, Griechen, Römer - versuchten oft, den eroberten Völkern ihre Götter und Kultur aufzuzwingen. Dabei erlaubte der verbreitete Polytheismus ihnen oft einen Synkretismus: Neue Götter wurden in das eigene Pantheon aufgenommen oder man verehrte die alten Götter unter den Namen der Neuen weiter. Antike Religionspolitik war jedoch meist mit dem Gottkönigtum verbunden und von einem Staatskult überwölbt, um die unterworfenen Völker zu vereinheitlichen.

Das Judentum sah sich seit seinen Anfängen von fremdem Völkern und ihren Göttern bedroht, denn es akzeptierte nur einen Gott als Schöpfer der ganzen Welt (Monotheismus). Die Juden verweigerten sich vielfach dem Polytheismus, Synkretismus und Gottkönigtum der antiken Umwelt und stellten damit die Wertorientierung umliegender Kulturen in Frage. Das führte zu einer Reihe von religiös-politischen Konflikten in und um die Reiche Juda und Israel. So versuchte schon der Seleukide Antiochus IV. um 170 v. Chr., den Zeuskult in Israel zu etablieren. Als dies unter den Makkabäern Widerstand auslöste, versuchte er, die Religion und damit Identität des Volkes Israel auszulöschen.

Die neue Weltmacht Rom tolerierte zunächst die eigenständige Religionsausübung des Judentums mitsamt seinem Tempelkult. Doch in der römischen Kaiserzeit entstanden erneut Spannungen, die schließlich zum jüdischen Krieg führten. Er endete 70 n. Chr. mit der Zerstörung des 2. Jerusalemer Tempels. Damit verlor das Judentum sein religiöses und staatliches Zentrum und 135 auch seine Eigenstaatlichkeit in Palästina. In der Folgezeit verfestigten sich antijüdische Stereotypen gerade bei gebildeten Römern: Ihnen galten Juden als „Feinde des Menschengeschlechts“.

Antijudaismus im Mittelalter

Die zentralen Thesen und religiösen Deutungsmuster des christlichen Antijudaismus wie der „Christus-“ bzw. „Gottesmord“, der allen Juden Schuld am Tod Jesu gab, und die „Enterbung“ des Volkes Gottes zu Gunsten der Kirche (Substitutionstheologie) sind von verschiedenen Schriften des Neuen Testaments hergeleitet (siehe Antijudaismus im Neuen Testament). Sie dienten anfangs der Selbstbehauptung einer jüdischen Minderheit in Israel, wurden von der heidenchristlichen Mehrheit übernommen und seit 380 in eine Staatsreligion mit universalem Herrschaftsanspruch integriert.

Im Mittelalter nahm die antijüdische Kirchenpolitik Züge einer systematischen Verfolgung an. Juden wurden nach erfolglosen Missionsversuchen zwangsgetauft, später ghettoisiert und dämonisiert. In Spanien, wo die Juden 1492 zwangsgetauft oder vertrieben wurden, bildete sich eine frühe ethnisch begründete Judenfeindschaft: Nur Christen, die eine limpieza de sangre (spanisch für Reinheit des Blutes) aufwiesen, das heißt nicht von Morisken oder Marranen abstammten, galten der Inquisition als unverdächtig.

Die christliche Judenfeindlichkeit des Mittelalters dachte außerhalb Spaniens noch nicht in rassischen Kategorien, richtete sich aber gegen alle Juden als Nachkommen der „Mörder“ des Heilands. Im Kontext von sozialen Missständen, Kreuzzügen und Pest führte der Aberglaube häufig zu Massakern (Pogromen) an Juden. Martin Luther empfahl 1543 in seiner Schrift Von den jüden und iren lügen die Ausweisung der Juden, Arbeitszwang und Verbot ihrer Religionsausübung. Diese Ablehnung bestimmte Theologie und Politik im Abendland bis zur Aufklärung und darüber hinaus. Sie prägt die Volksfrömmigkeit vielfach bis heute (siehe Antijudaismus in der Neuzeit).

Antisemitismus bis 1945

Nach der Französischen Revolution 1789 entstanden überall in Europa nationale Einigungsbewegungen. Das 19. Jahrhundert brachte zwar auch die beginnende Emanzipation der Juden in Europa, der Judenhass wirkte jedoch auch im aufgeklärten Bürgertum fort und suchte sich nun pseudowissenschaftliche Gründe. Ab etwa 1860 keimte der Rassismus auf. Auch Juden wurden nun als „Rasse“ definiert. Damit wurde der ältere Antijudaismus nicht abgelöst, aber umgeformt und überlagert.

In vielen Staaten Europas, besonders im neuen Deutschen Kaiserreich (ab 1871), im zaristischen Russland, im Habsburger Vielvölkerstaat Österreich und in Frankreich bildete sich daraus eine politische Ideologie. Ein Konglomerat antiliberaler, ethnisch-national gesinnter Gruppen machte die Bekämpfung, Isolierung, Vertreibung und schließlich Vernichtung alles „Semitischen“ zu ihrem Programm. Gemeint waren die Juden.

Antisemitismus und Rassismus bereiteten auch dem Nationalsozialismus den Boden, der zum staatlich organisierten Massenmord (Holocaust) am europäischen Judentum führte.

Antizionismus

Die durchgängige Judenfeindlichkeit in Europa führte Ende des 19. Jahrhunderts zur organisierten Suche von Juden nach einer eigenen Heimat. Diese Bewegung des Zionismus rief nach den ersten Einwanderungswellen (Alijot) eine Gegenreaktion hervor. Mit dem arabischen Aufstand 1936-39 begann der Widerstand von Palästinensern gegen jüdische Siedler. Dieser wandte sich gegen die jüdische Besiedlung Palästinas und seit 1948 gegen die Existenz des Staates Israel.

Die Politik Israels seit dem Sechstagekrieg 1967 wurde zum Anlass für pauschale Anfeindungen gegen Juden genommen: besonders in arabischen Ländern, aber auch in Europa und anderen Teilen der Welt. Diese finden immer neue Nahrung durch den fortdauernden Nahostkonflikt. Dabei übernehmen die Medien und Eliten islamisch geprägter Länder oft ungebrochen Motive aus dem europäischen Antisemitismus oder Antijudaismus.

Dennoch muss diese arabisch-islamische Judenfeindlichkeit aus ihrer eigenen Geschichte heraus erklärt werden. Der Konflikt hat auf beiden Seiten zu ideologischer Verschärfung und Verblendung geführt. Es gibt heute Juden und Bürger Israels, die den heutigen Zionismus ablehnen, so wie der Islamismus nicht von sämtlichen Muslimen und Arabern vertreten wird. Antizionismus ist deshalb nicht prinzipiell mit Judenhass gleichzusetzen. Kritiker wie zum Beispiel Uri Avnery haben vorgeschlagen, die Befreiung Israels von zionistischer Ideologie würde die Grundlage schaffen, auf nüchterner, partnerschaftlicher Ebene an einem Nahostfrieden zu arbeiten.

Antisemitismus nach 1945

Antijudaismus, Rassismus und Antisemitismus sind seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs keineswegs überwunden. Sie bestehen als latente, in Krisenzeiten aktivierbare Strömung in Deutschland wie auch anderen Ländern weiter und zeigen sich in letzter Zeit wieder verstärkt.

In der Bundesrepublik ist ein gesellschaftliches Umfeld entstanden, das nach Untersuchungen der Antisemitismusforschung neben allgemeiner Fremdenfeindlichkeit auch die Duldung von offener Feindschaft gegen Juden und Gewaltakte gegen Synagogen oder Friedhofsschändungen begünstigt:

  • Der Geschichtsrevisionismus fälscht oder relativiert die Ursachen des Holocaust; auch die Holocaustleugnung besteht fort.
  • Ein „sekundärer Antisemitismus“ gibt Juden die Schuld für gefühlte Belastungen, z. B. für die Zwangsarbeiter-Entschädigungen.
  • Israelkritik wird im Kontext aktueller Spannungen im Nahostkonflikt, im Gefolge des Irakkriegs und des Islamismus häufig zu Israel- und Judenfeindschaft verallgemeinert.
  • Antiamerikanismus, Antikapitalismus und neue Weltverschwörungstheorien verbinden sich mit alten antisemitischen Klischees.
  • Rechtsextreme Gewalt und rechtspopulistische Parteien vernetzen sich stärker und gewinnen Präsenz in Landtagen und Öffentlichkeit.
  • Ein zunehmender Teil der Gesellschaft will über 50 Jahre nach dem Kriegsende einen „Schlussstrich“ unter das Thema Holocaust gezogen wissen: Bei einer Forsa-Umfrage [1] aus dem Jahre 2003 sprachen sich 61% der 1.301 Befragten in diesem Sinne aus. Von den Befragten ließen sich 23 Prozent eindeutig „latenten bis starken antisemitischen Einstellungen zuordnen“.
  • Zugleich sterben die letzten überlebenden Zeitzeugen des Holocaust aus, so dass ihr persönliches Erleben die öffentliche Wahrnehmung der Vergangenheit nicht mehr beeinflussen kann.

Im Jahr 2005 veröffentlichte die Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) eine Arbeits-Definition von Antisemitismus. [2]

Siehe auch

Literatur

  • Christina von Braun, Ludger Heid: Der ewige Judenhass. Philo Verlagsgesellschaft, 2006, ISBN 3-8257-0149-2
  • Wolfgang Benz: Was ist Antisemitismus? Beck, München 2004, ISBN 3-406-52212-2
  • Henryk M. Broder: Der ewige Antisemit - Über Sinn und Funktion eines beständigen Gefühls Bvt Berliner Taschenbuch Verlag, Juli 2005, ISBN 3-8333-0304-2
  • Shmuel Almog (Hrsg.): Antisemitism through the Ages Pergamon Press, Oxford 1988, ISBN 0-08-034792-4
  • Lars Rensmann: Demokratie und Judenbild. Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2004, ISBN 3-531-14006-X
  • John Weiss: Der lange Weg zum Holocaust. Die Geschichte der Judenfeindschaft in Deutschland und Österreich, Ullstein, Berlin 1998, ISBN 3-548-26544-8
  • Franz Josef Wiegelmann: Wi(e)der die Juden. Judentum und Antisemitismus in der Publizistik aus sieben Jahrhunderten; zahlreiche Abbildungen von Original-Dokumenten; Bonn 2005, 268 Seiten. ISBN 3-9809762-8-9
  • Elisabeth Kübler: Antisemitismusbekämpfung als gesamteuropäische Herausforderung. Eine vergleichende Analyse der Maßnahmen der OSZE und der EUMC (Reihe: Unipress Hochschulschriften, 148) LIT-Verlag, Wien 2005
  • Doron Rabinovici, Ulrich Speck und Nathan Sznaider (Hg): Neuer Antisemitismus? Eine globale Debatte Suhrkamp, Frankfurt 2004

Fußnoten

  1. Antisemitismus 2003 - Umfragen und Studien
  2. Arbeits-Definition der EUMC vom 28. Januar 2005

Weblinks

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