Überlieferungsgeschichte der antiken Literatur
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Die antike Kultur hatte mit ihrem Höhepunkt während der frühen römischen Kaiserzeit eine Zivilisationsstufe erreicht, die Europa in wesentlichen Punkten (Agrarproduktivität, Transportwesen, Medizin- und Sanitärwesen, Alphabetisierungsgrad, Bibliotheksbestand) erst wieder im 19. Jahrhundert erreichen konnte. Die überlieferte antike Literatur hatte, direkt oder zumindest als Anregung. einen wesentlichen Anteil an diesem Wiederaufstieg.
Zwischen den weltlich geprägten Kulturen der Antike und der Moderne lagen über 1000 Jahre des extrem religiös am Jenseits orientierten Mittelalters. Eine Zeit, in der der persönlichen Willen Gottes als wesentlicher Mechanismus für alle Dinge der Natur und des menschlichen Schicksals vorgeschrieben wurde. Um Gott zu gefallen, machte man die christliche Glaubenslehre (Theologie) zum leitenden Maßstab verpflichtend für jeden Menschen. Abweichlern drohte Gefängnis, Folter oder gar eine grausame Hinrichtung.[1] Anderen Weltanschauungen, auch der rationalen Weltsicht der antiken Texte, stand man meist eher feindlich gegenüber. Die Vernichtung der antiken Bücher sowie das Überleben und die Auferstehung ihrer wenigen Reste sind die wesentlichen Elemente der Überlieferungsgeschichte.
Die Überlieferungsgeschichte ist eng verbunden mit der Textkritik innerhalb der klassischen Philologie. Während die Textkritik sich immer nur einzelner Titel annahm, konnten bis heute genügend Überlieferungslinien[2] rekonstruiert werden um eine Überlieferungsgeschichte der gesamten heute verfügbaren antiken Literatur zu skizzieren. Wesentlich dafür waren Erkenntnisse aus verschiedensten anderen Gebieten wie Archäologie, Papyrologie, Paläographie, Codiologie und begleitende technische Fortschritte wie etwa UV- und IR-Fotografie.[3]
Die Überlieferungsgeschichte kann man in 4 Phasen einteilen:
- Erstellungsphase (vor ca. 350)
- Vernichtungs- und Duldungsphase (ca. 350-800)
- Erhaltungsphase (ca. 800-1400)
- Verbreitungs- und Wirkungsphase nach 1400
- Revisionsphase?
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Erstellungsphase (vor ca. 350)
(in Bearbeitung)
[Bearbeiten] Vernichtungs- und Duldungsphase (ca. 350-800)
[Bearbeiten] Der Bestand der Antike und der Überlieferung
Durch die Überlieferung in Bibliotheken, also vor den Papyrusfunden ab 1900, waren von der griechischen Literatur vor dem Jahr 500 etwa 2000 Autorennamen bekannt, aber nur von 253 Autoren waren zumindest Teile ihrer Schriften erhalten. Für die römische Literatur waren es 772 Autorennamen, aber nur von 144 waren Schriften erhalten geblieben.[4] Dies führte zur häufig gebrachten Schätzung, wonach höchstens 10 % der antiken Literatur überliefert wurde.[5] Die fast 3000 Autorennamen stellen aber nur eine Mindestzahl dar. Es handelt sich nur um Autoren, die in überlieferten Texten erwähnt werden. Die überlieferten Texte sind jedoch recht selektiv und wurden zu einem großen Teil von christlichen Autoren ausgewählt, die in der Antike eine kleine Minderheit darstellten.
Eine Abschätzung des antiken Bestandes an Titeln und Büchern ist nur indirekt über die Bibliotheksgeschichte möglich. Die bekannteste Bibliothek der Antike, die Bibliothek von Alexandria, wuchs von 235 v. Chr. bis 47 v. Chr. von 490.000 auf 700.000 Rollen, größtenteils in griechisch.[6] Eine Rolle entsprach etwa auch einem Titel (siehe Glossar). Die Titelproduktion der griechischen Welt betrug daher mindestens 1100 pro Jahr. Extrapoliert auf das Jahr 350[7] ergäbe das einen Bestand von über einer Million Titel.[8]
Der Umfang des lateinischen Schrifttums lässt sich nicht genau bestimmen, könnte aber ebenso groß gewesen sein. Bedenkt man, dass eher triviale Werke aus den Provinzen wahrscheinlich keinen Eingang in die großen Bibliotheken hielten,[9] so kann man den Gesamtbestand der Antike auf mehrere Millionen Titel schätzen. Unter der Annahme einer durchschnittlichen Verbreitung von 10–100 Exemplaren sind dies um 100 Millionen Rollen oder, neutral umschrieben, Bücher (siehe Glossar). Von diesen Millionen Büchern aus der Zeit vor 350 ist kein einziges in einer Bibliothek überliefert worden. Alle Quellen aus heidnischer Zeit, also etwa vor 350, wurden nur als christliche Editionen (kompiliert um 400) überliefert.
Die Anzahl der überlieferten antiken Texte (ohne Funde) wurde bisher noch nicht genau bestimmt. Die Größenordnung dürfte bei etwa 3000 liegen, 1000 davon in Latein. Der größte Teil davon liegt nur in Bruchstücken vor. Das gesamte überlieferte heidnische Textvolumen umfasst, zumindest in Latein, wahrscheinlich weniger als in 100 Codices passen würde. Der Bruch im Bestand liegt in der Größenordnung von einem Faktor 1000. Mit anderen Worten, nur 0,1 % oder eines von 1000 Büchern überlebte. Diese Zahl ergibt sich, wenn man den geschätzten Gesamtbestand an Titeln von einigen Millionen den einigen 1000 überlieferten Texten gegenüberstellt; oder – völlig unabhängig davon – die letzte antike Bibliothek (Konstantinopel, 476 mit 120.000 Codices) mit der ersten mittelalterlichen (Cassiodor, 576 mit ca. 100 Codices) vergleicht.[10]
Diese Grunddaten der Überlieferungsgeschichte weisen auf eine kulturelle Katastrophe, die ohne Beispiel in der Geschichte der Menschheit ist. Im Folgenden wird versucht, die wichtigsten Informationen über diesen Vorgang zusammenzustellen. Es sind dies meist indirekt erschlossene Informationen aus Zahlenangaben, Zitaten- und Titellisten oder die Beschreibung scheinbar regionaler Ereignisse durch Zeitzeugen. Die geringe Anzahl eindeutiger Informationen ist wahrscheinlich durch die Überlieferung selbst bedingt. Sie enthielt vornehmlich Texte des Christentums, das um 400 im Kampf über das Heidentum siegte und auch bestimmte, welche Texte des Heidentums überliefert werden.
Wahrscheinlich fast alle uns überlieferten Bücher enthielten eine christliche Subskription. Dies war ein kurzer Vortext, der beschrieb, wann das Buch kopiert wurde und wer es auf seine Richtigkeit überprüft hatte. Solche Subskriptionen waren auch in heidnischer Zeit zumindest bei wertvollen Büchern üblich. Sie bestätigten die Fehlerfreiheit der Abschrift. Aus einem Brief des Bischofs Synesius von Cyrene (um 400) geht aber hervor, dass es zu seiner Zeit eine Klasse von Büchern gab, die als „unüberarbeitete Kopien“ galten. Sie zu besitzen war eine erhebliche Beschuldigung.[11] Dies deutet darauf hin, dass die christliche Subskription nicht nur Schreibfehler, sondern auch inhaltliche Veränderungen betroffen haben könnten. Es handelte sich dabei wohl um Veränderungen, die für die christliche Ideologie um 400 im Kampf gegen des Heidentum oder andere Fraktionen von Relevanz sein mussten. Rein formelle Dinge, wie Schriftart oder gar ein Bilderverbot, können für diese Zeit ausgeschlossen werden.
[Bearbeiten] Auswahlkriterien bei der Überlieferung
Durch die Überlieferung sind von der griechischen Literatur vor 500 etwa 2000 Autorennamen bekannt, aber nur von 253 Autoren die Bücher. Von diesen 253 Autoren waren von 127 nur Bruchstücke, von 136 aber alle Titel erhalten. In der römischen Literatur waren es 772 Autorennamen, von 144 waren Schriften erhalten, darunter 37, von denen alle Schriften überliefert sind.[12] Diese Zahlen zeigen, besonders für das Griechische, einen hohen Anteil an Autoren, die komplett überliefert sind. Im Vergleich zu den fragmentarisch oder nur mit Namen bekannten Autoren kann dies nicht durch eine zufällige Auswahl erklärt werden. Offensichtlich wurden bestimmte Autoren, wahrscheinlich christliche Propagandisten, gezielt bevorzugt.
Dies zeigt auch die thematische Gewichtung der Literatur. Zu Beginn der Kaiserzeit hatten die (verlorenen) 493 Rollen der Enzyklopädie des Varro folgende Verteilung: 34 % Unterhaltung (Poesie und Satire), 39 % Wissenschaft (Philosophie und angewandte Wissenschaft, Technik), 27 % Geschichte (8 % Literatur und Theater, 16 % Berühmte Personen und Völker, 3 % Religion).[13]
Die um 1900 in der ägyptischen Provinzstadt Oxyrhynchos gefundenen Papyri stammten aus einer antiken Müllhalde von 100 bis 600. Sie scheinen ein großes Spektrum der Bevölkerung zu repräsentieren.[14] Man fand darunter auch Rollen mit Literatur. Der daraus ablesbare Geschmack des Volkes hat noch immer Ähnlichkeit mit der Gewichtung von Varro: 56 % Unterhaltung (33 % Epik, 12 % Tragödien, 5 % Bukolik), 44 % Sachbuch (21 % Geschichte, 18 % Philosophie, 5 % Reden).[15]
Im Gegensatz zur Antike zeigt die Buchproduktion nach 400 eine extreme Zunahme religiöser, christlich theologischer Titel bis auf 80–90 % der Bestände im Mittelalter.[16] Der säkulare Anteil von 10–20 % umfasste vor allem Worterklärungen und Grammatika. Unterhaltung, Zeitgeschichte und jede Art von Wissenschaft hatte in den christlichen Bibliotheken des Mittelalters einen Anteil von unter 5 %. Bei dem geringen Bestand der meisten Bibliotheken konnte man solche Bücher nur in den wenigen großen Klosterbibliotheken (etwa 10–20 nach dem Jahr 800) unter Beständen von einigen 100 Codices erwarten.[17]
[Bearbeiten] Wann ging das Gros antiker Literatur verloren?
[Bearbeiten] Der Brand einer Bibliothek
Die Antike besaß eine große Zahl an Bibliotheken. Öffentliche Stadtbliotheken und Private mit 20.000 bis 50.000 Rollen sind bekannt. Es gab sie nicht nur in Rom (29 öffentliche um 350), sondern auch in den Provinzen. Bei Caesars Besuch in Alexandria verbrannte nicht die große Bibliothek, sondern ein Lagerhaus am Hafen mit 40'000 Rollen, wahrscheinlich eine Jahresproduktion [18] die für den Export bestimmt war. [19] Die Bibliothek von Alexandria umfasste in hellenistischer Zeit mehr als 490'000 Rollen,[20] diejenige in Pergamon 200'000 Rollen. Spätestens in der Kaiserzeit dürften einige Städte, vor allem aus Gründen des Status, dieses Niveau erreicht haben.
Über die Bestandszahlen der großen Bibliotheken Roms sind keine Angaben überliefert. Archäologisch kann über die Größe von Wandnischen für Bücherschränke bei der Palatina under der Ulpia Trajana auf mindestens 100'000 Rollen geschlossen werden. Wahrscheinlich befanden sich darin aber nur die kostbarsten Rollen, auch die Bibliothek von Pergamon hatte fast alle ihre Bestände in Depoträumen. Von der Größe der Gebäude hätten die Hauptbibliotheken Roms, wie auch in Alexandria und Athen, jeweils Platz für Millionen Rollen gehabt. Bei einer solchen geografischen Verteilung des antiken Wissens konnten einzelne Ereignisse wie der Verlust einer Bibliothek für die Überlieferung kein wesentliches Problem darstellen.
[Bearbeiten] Die Umschreibungs- / Verrottungs-These
Einige Historiker vermuteten, um 400 habe ein Umschreibung von Papyrus-Rollen auf Pergament-Codices stattgefunden. In der christlich dominierten Zeit oder sogar schon früher, habe die Gesellschaft dann das Interesse an den heidnischen Rollen verloren. Sie seien daher nicht weiter kopiert worden und im Laufe des Mittelalters in Bibliotheken verrottet, während die haltbareren Pergament-Codices überdauerten.
Diese Vermutung wird besonders von Papyrologen bezweifelt. Papyrus steht in Haltbarkeit dem Pergament nicht nach. Roberts und Skeat, die das Thema selbst untersuchten, erklären dies 1983 in "The Birth of the Codex" sehr deutlich.[21] Um 200 war es kein Problem in einer Bibliothek in Rom eine 300 Jahre alte Papyrusrolle zu lesen.[22] Das Material hätte also über 400 Jahre aushalten müssen. Aber ab 800 haben die vielen antiken Rollen sicher nicht mehr existiert. Aus den Katalogen und der Kopiertätigkeit dieser Zeit können wir dies sicher schließen. Man konnte ab 800 nur noch auf Codices zurückgreifen die nach 400 geschrieben waren.
Außerdem enthält der C.L.A. mindestens 7 Papyrus Codices die in Bibliotheken aus der Zeit zwischen 433 und 600 bis heute, zumindest in Teilen, überlebten. Einer, C.L.A. #1507, um 550, ist in Wien und hat noch 103 Seiten. Wenn die 1500 Jahre überdauern konnten hätten die vielen anderen doch mindestens 400 Jahre halten müssen. Der Verlust kann also nicht durch die Haltbarkeit von Payrus, Rollen oder Codices erklärt werden.
Vielmehr sieht es danach aus, als seien nach 400 plötzlich viel weniger Bücher und diese nur noch in Form von Codices produziert worden. Die in Oxyrhynchos gefundenen Buchrollen (ca. 34% der gesammten Papyri, 66% waren Urkunden)[23] zeigen eine rege Buchproduktion im 2. und 3. Jh, (655 und 489 Stück) und einen massiven Einbruch im 4. und 5. Jh. (119 und 92 Stück), sowie nur noch geringe Produktion danach (41, 5 und 2 Stück nach dem 7. Jh als auch die Stadt verschwand).
Ein ähnliches Bild liefert der C.L.A. für Europa. Danach wurden von 400 bis 700 in Europa (ausser Italien) nur etwa 150 Codices produziert. Davon entfallen auch noch 100 nur auf Frankreich. Das bestätigt auch die weitere Paläografie nach dem Zeitraum des C.L.A.. Die Bestände der großen Klosterbibliotheken um 900 (Lorsch, Bobio, Reichenau, alle um 700 Codices) stammten fast alle aus der Zeit nach 750 und zeigen damit die so genannte karolingische Renaisance. Für die meisten antiken Bücher stammen die ältesten heute erhaltenen Kopien aus dieser Zeit. Wahrscheinlich kopierte man da Bücher aus dem 5. Jh. die heute nicht mehr erhalten sind. Der C.L.A. kennt für die Zeit bis 800 nur 56 überlieferte klassische Bücher, davon 31 nur aus dem 5. Jh.
Was zunächst als Phase der Umschreibung von Rolle auf Papyrus erschien, war offenbar nur das Resultat einer extrem reduzierten Buchproduktion. Erreichte sie vor 300 wahrscheinlich die Größenordnung von 100'000 pro Jahr, so lag sie nach 400 bei unter 10 pro Jahr. Dieser Wert gilt für den lateinischen Bereich auf Basis des C.L.A.. Der C.L.A. zeigt eine Überlieferung von 1 bis 2 pro Jahr für 400 bis 700. Um auf eine Produktionsrate von 10 zu kommen, wäre ein unwahrscheinlich hoher Verlustfaktor von 5 bis 10 notwendig. Aufgrund dieser geringen Produktion war für den billigen Papyrus kein Bedarf mehr, man zog das bisher edlere, aber nun leichter verfügbare Pergament vor. Papyrus wurde nur noch in Ausnahmefällen für Bücher oder Urkunden verwendet und im Lateinischen Bereich ab etwa 600 kaum noch verfügbar.
[Bearbeiten] Die Eingrenzung des Zeitraums: vor 500
Wie bereits erwähnt waren die antiken Bücher ab 800 sicher nicht mehr vorhanden. Wahrscheinlich waren sie aber auch schon ab 500 nicht mehr da. Cassiodor lebte von ca. 490 bis 583 in Italien. Er war zunächst Senator und Sekretär des Ostgotenkönigs Theoderich. Während des Kriegs mit Ostrom (Gotenkrieg) zog er sich, nach Aufenthalt in Konstantinopel, [24] um 540 auf seine privaten Ländereien nach Süditalien zurück und gründete des Kloster Vivarium. Er sprach Latein, Griechisch und Gotisch, sammelte Bücher und übersetzte auch welche von Griechisch nach Latein. Sein erklärtes Ziel war die Rettung der klassischen Bildung, und er erklärte als erster das Kopieren von Büchern zur Pflicht für Mönche.
Aufgrund seiner wohlhabenden Position und seiner weiten Kontakte, auch in den griechischen Bereich, war er in einer außergewöhnlich guten Position, die wichtigsten zu seiner Zeit im Mittelmeerraum noch verfügbaren Bücher auch zu bekommen. [25] In seinen eigenen Texten beschreibt er seine Bibliothek, einzelne Bücher und gibt Zitate aus ihm wahrscheinlich vorliegenden Werken. Aufgrund dieser Angaben haben zunächst A. Franz und später R.A.B. Mynors "a provisional indication of the contents of the library at Vivarium" erstellt.[26] Das Ergebnis war, dass Cassiodor nicht wesentlich mehr antike Texte kannte als wir heute. Er hatte die einzige größere Bibliothek des 6. Jh.s, über deren Inhalt etwas bekannt ist. Sie verfügte etwa über 100 Codices.
Ähnlich war die Situation bei Bischof Isidor von Sevilla, der von ca. 560 bis 636 in Spanien lebte. Er hatte die einzige Bibliothek des 7. Jh., über deren Inhalt etwas bekannt ist. Angeregt von seinem berühmten Lehrer Traube unternahm Paul Lehmann eine entsprechende Untersuchung von Isidors Schriften. Er kam zum Ergebnis, dass Isidor wahrscheinlich auf mindestens drei Büchern Cassiodors aufbaute ohne diesen auch nur in einem seiner Werke zu erwähnen. Lehmann: "Die meisten Schriften, die Isidor mit Titel und Verfasser angibt hat, er wahrscheinlich nie gelesen."[27] Isidor konnte nur 154 Titel zitieren.[28] Seine Bibliothek war wahrscheinlich deutlich kleiner als die von Cassiodor. Die grossen Bibliotheken waren also vor 500 verschwunden. Was blieb waren kleine Klosterbibliotheken von um 20 Büchern. [29] Wie das sehr faktenreichen Standardwerk "Geschichte der Bibliotheken" 1955 schrieb, musste der Verlust vor 500 stattgefunden haben; "Bereits zu Beginn des 6.Jahrhunderts war der grosse Verlust an antiken Texten eingetreten, und der Vorrat der Schriftsteller, die Cassiodor und Isidor zur Hand waren, überschreitet nicht erheblich den Kreis des auch uns Bekannten."[30]
[Bearbeiten] Die Eingrenzung des Zeitraums: 350 bis 400
Betrachtet man die Zeitspanne von 300 bis 800, so gab es immer wieder Ereignisse in denen einzelne Bibliotheken zerstört worden sein könnten. Es gab jedoch nur einen kurzen Zeitraum, von etwa 380 bis 400, in dem die Existenz aller Bibliotheken des römischen Reichs gleichzeitig bedroht war. Nur von einer einzigen grossen Bibliothek wissen wir, dass sie diese Zeit überstanden hat: Die Palastbibliothek von Constantinopel wurde erst 476 mit 120'000 Codices durch ein Feuer zerstört. Die nächste bekannte Bibliothek ist erst wieder 100 Jahre später die von Cassiodor mit etwa 100 Codices.
Der Zeitraum 370 bis 400 war ein Höhepunkt im gewaltsamen Vorgehen des nun den Staat dominierenden Christentums gegen das Heidentum und seine gesamte Kultur. Im Jahre 391 erliess Kaiser Theodosius I. ein Gesetz wonach alle heidnischen Tempel zu schließen seien. Im Begriff der damaligen Zeit waren heidnische Tempel aber die meisten nicht-kirchlichen Kulturgebäude. Etwa eine den Göttern geweihte Bibliothek oder auch das Museum, ein Tempel der Muse. In diesem Kontext wurde Theodosius' Edict als Versuch interpretiert, alle heidnischen Bibliotheken zu vernichten.[31]
So wissen wir von der Bibliothek im Serapeum, das die Stadtbibliothek von Alexandria darstellte[32], dass sie 392 von christlichen Fanatikern zerstört wurde. Von dem Museum von Alexandria, das die berühmte große Bibliothek enthielt und als Gebäude bis etwa 380 belegt ist,[33] gibt es nach 400 keine Spur mehr. Bereits im 5. Jh. wird das Gelände als Ödnis beschrieben. Johannes Philoponos erwaehnt um 520 AD die "große Bibliothek" die einstmals der Stolz Alexandrias war.[34] Erst Ausgrabungen 2003 fanden Fundamente.
Ammianus Marcellinus (ca. 330 bis 395), die wichtigste Quelle für diesen Zeitraum, erwähnt die Verfolgung und Hinrichtung offenbar gebildeter Leute, denen der Besitz von Büchern mit verbotenem Inhalt vorgeworfen wurde. Ihre Codices und Rollen wurden in grosser Zahl öffentlich verbrannt. Bei den Büchern soll es sich angeblich um "Zaubertexte" gehandelt haben. Ammianus meinte aber, es waren vor allem Werke der "artes liberales", der klassischen antiken Wissenschaften. Infolge des Terrors hätten, nach Ammianus, in den östlichen Provinzen "aus Furcht vor ähnlichen Schicksalen die Besitzer ihre ganzen Bibliotheken verbrannt".[35]
Hierzu sei auch an eine andere Stelle bei Ammianus erinnert. Er kritisiert die oberflächliche Unterhaltungslust der römischen Oberschicht und fügt dabei ein: "die Bibliotheken waren geschlossen für immer, wie Grüfte."[36] Dies wurde im 19. und dem größten Teil des 20. Jh. von den meisten Gelehrten so interpretiert, als seien die großen öffentlichen Bibliotheken Roms geschlossen. In jüngster Zeit vermuten manche, es könne sich nur auf die Hausbibliotheken und die Vergnügungen eines dekadenten römischen Adels beziehen.[37]
Etwas später, um 415, besuchte der christliche Gelehrte Orosius Alexandria. Er beschreibt, er habe dort selbst in einigen Tempeln leere Bücherregale gesehen. Diese seien geleert worden "von unseren eigenen Leuten, zu unserer Zeit, als diese Tempel geplündert wurden."[38] Auch in Rom scheinen ab 400 die grossen Bibliotheken geschlossen oder leer gewesen zu sein. Selbst unter der Annahme, die Gebäude der Trajansbibliothek hätten 455 noch gestanden, [39] gibt es keinen Hinweis, wonach sie oder andere dort noch geöffnet waren oder noch Bücher enthielten.
Die Notitia Dignitatum, ein Katalog der offiziellen Verwaltungsposten im Römischen Reich um 400, zeigte keinen Hinweis, dass noch irgendwer für Bibliotheken zuständig sei. [40] Aus anderen Dokumenten und Grabinschrift wissen wir aber, dass die Verantwortung für eine oder mehrere Bibliotheken vor 300 als wichtiges und ehrenvolles Amt betrachtet wurde. Hätte es nach 400 noch die grossen Bibliotheken gegeben, so wäre ihre Verwaltung von extremer Bedeutung gewesen. Denn der Verwalter hätte bestimmt, welche Bücher nach dem Sieg über das Heidentum noch verfügbar sein dürfen und welche nicht. Die Schliessung der grossen Bibliotheken war die einfachste Lösung dieses Problem zu umgehen, denn ihr Inhalt bestand zu über 99% aus heidnischen Büchern.
Es gibt aus der Zeit um 400 aber ein noch deutlicheren, selten erwähnten Hinweis auf den Verlust der antiken Literatur. Johannes Chrysostomos (349–407) war Bischof von Konstantinopel, aktiv in der Bekämpfung des Heidentums und einer einer der bedeutensten christlichen Gelehrten seiner Zeit. In einer seiner Schriften hällt er Rückblick auf die Zeit nach der "Schlacht" mit dem Heidentum. Ein Kampf den er zu seinem Lebensende als gewonnen betrachten konnte. Er schreibt die Philosophen und Redner der Heiden wären danach nur noch lächerlich gewesen wie dumme Kinder und hätten niemand mehr überzeugen können: "Ihre Schriften wurden so gering geschätzt, das ihre Bücher schon vor langer Zeit verwschanden, die meisten wurden bei ihrem ersten Erscheinen zerstört. Wenn man überhaupt noch etwas von ihnen erhalten findet, so findet man es aufbewahrt bei Christen."[41]
[Bearbeiten] Der archäologische Kontext
Könnte es sich bei Ammianus und Chrysostomos Schilderungen um Übertreibungen oder nur lokale Ereignisse handeln? Nach heutigem Stand der Forschung kann man beiden eine Untertreibung nachweissen. Um 380 schilderte Libanius in einem Brief an Kaiser Theodosius I. systematische Zerstörungen einer Vielzahl heidnischer Tempel durch "Banden schwarz gekleideter Mönche".[42]
Für diese Zerstörungen heidnischer Kulturgüter ("Ikonoclasmus") gibt es direkte archäologische Belege. Wenn wir heute irgendwo einen antiken Kopf mit abgeschlagener Nase sehen, so waren dies nahezu sicher christliche Gewalttäter der Spätantike, wahrscheinlich 380-400. Der Archäologe Eberhard Sauer hat dazu erstmals eine grössere Arbeit versucht: The Archaeology of Religious Hatred, (2003).
Sauer findet zerstörte heidnische Tempel für diese Zeit vor allem im Westen. Dies liegt aber nur daran, dass hier (vor allem in Deutschland) die Ausgrabungen zahlreicher und sorgfältiger waren. Letzteres war entscheidend um aus Beifunden wie Münzen den ungefähren Zeitraum der Zerstörung der Tempel zu ermitteln. Sauer konnte klar darlegen, dass die Zerstörungen exzessiv waren und das ganze Reich umfassten:
"Auf der Basis schriftlicher und archäologischer Hinweise kann es keinen Zweifel geben, dass die Christianisierung des römischen Kaiserreichs und des frühmittelalterlichen Europa einherging mit der Zerstörung von Werken der Kunst in einem Ausmass wie man es in der Geschichte der Menschheit nie zuvor sah."[43] Diese Zerstörungen waren offenbar von grausamen Hinrichtungen begleitet wie sie Ammianus um Zusammenhang mit den Bücherverbrennungen als "Terror" erwähnt. Es gibt direkte archäologische Zeugnisse dieses Terror gegen Heiden. In einem mit Felsen verschlossenen und zugeschütteten Mithrastempel fand man das Skelett eines schmächtigen Mannes mit hinter dem Rücken gefesselten Händen. Er war offenbar in dem unterirdischen Raum lebendig begraben worden.[44] In einem anderen Mithrastempel fand man das Skelett eines gepfählten Mannes der offenbar zum Sterben in den Raum gelegt wurde ehe man ihn zuschüttete.[45]
Wenn Chrysostomos solche Gewaltakte nicht erwähnte, so am ehesten weil sich das damalige Christentum als friedfertige pazifistische Bewegung präsentieren wollte - zumindest für die Nachwelt. In der seit damals gepflegten christlichen Geschichtsschreibung wurden immer christliche Märtyrer Opfer heidnischen Terrors. Wenn es Ammianus nicht erwähnte, so vielleicht weil er um sein Leben fürchtete. Gerade diese Auslassungen bei der Verfolgung von Heiden liessen manche Kritiker auch daran denken Ammianus könnte ein christlicher Schreiber gewesen sein.[46] Jedenfalls zeigen diese archäologisch/schriftlichen Zusammenhänge[47] hier eine systematische Verfälschung in der Schilderung von wesentlichen Vorgängen der Spätantiken Welt.[48]
[Bearbeiten] Die Rolle der "Zauberbücher"
Wie Eingangs erwähnt, war die antike Literatur wahrscheinlich weit verbreitet, auch in kleinen und kleinsten privaten Bibliotheken. Durch die Beschlagnahme der großen Bibliotheken konnte man daher wahrscheinlich nicht mal 50% des Bestandes habhaft werden. Die hundertprozentige Auslöschung all der Millionen vor ca. 350 erstellten Bücher muss eine längere Kampagne gewesen sein. Spuren dieser Kampagne müssen sich in der Geschichtsschreibung finden lassen. Die Verfolgung der Zauberbücher könnte ein Hinweis sein.
Eine umfangreiche, etwas christlich apologetisch geprägte[49] Arbeit widmete sich 1981 dem Thema der antiken Büchervernichtung.[50] Zum Thema "Die Vernichtung der heidnischen Literatur" fand der Autor nur Hinweise auf die Vernichtung christenfeindlicher Schriften, von Ritualbüchern (also heidnischer Theologie), von lasziver Literatur (Erotik, Pornographie) und von Zauberbüchern. Demnach sind Schriften der klassischen Wissenschaften nie gezielt vernichtet worden.[51] Verfolgung von Zauberschriften, wahrscheinlich Fluch- und Schadsprüche/Rituale, gab es schon zu heidnischer Zeit. Gebildete, wie Plinius der Ältere, sprachen der Zauberei jede Wirkung ab. Im Volksglauben war Magie aber immer mehr oder weniger vorhanden. In christlicher Zeit, ab ca. 350, scheint die Verfolgung von Zauberbüchern ein nie gekanntes Ausmaß angenommen zu haben. Die von Ammian berichtete Verbrennung von Büchern der klassischen Wissenschaften im Rahmen von Zauberbücher-Verfolgung war wahrscheinlich Teil einer systematischen Vernichtung der heidnischen Literatur.
Ob ein Buch Magie oder Wissenschaft enthielt war nur durch sein lesen erkennbar. Selbst dann dürfte es noch einige Bildung benötigt haben immer den Unterschied zu erkennen. Diese Bildung war aber immer weniger vorhanden, vor allem nicht bei Christen. So wurden die heidnischen Götter als Dämonen und böse Geister gedeutet.[52] Noch heute gelten im katholischen Exorzismus heidnische Kaiser, wie etwa Nero, als Dämonen die Menschen befallen können. In dem extremeren Kontext der Spätantike könnte nahezu jedes heidnische Buch als Zauberbuch denunziert werden. Wenn es einem berühmten Heiden oder einer Gottheit gewidmet ist oder nur einen inzwischen als Magier angesehenen Wissenschaftler zitiert.[53]
Die Verbrennung von Zauberbüchern durch Christen geht auf eine Passage in der Apostelgeschichte zurück.[54] Dabei wird erzählt wie Paulus Dämonen austrieb um Kranke zu heilen. Er war dabei erfolgreicher als "Söhne eines jüdischen Hohenpriesters Skeva" die als "umherziehende jüdische Beschwörer" bezeichnet wurden[55] Nach dem Triumpf von Paulus in der Stadt: "Viele aber von denen, die gläubig geworden waren, kamen und bekannten und verkündeten ihre Taten. Viele aber von denen, welche vorwitzige Künste getrieben hatten, trugen die Bücher zusammen und verbrannten sie vor allen; und sie berechneten den Wert derselben und fanden ihn zu fünfzigtausend Stück Silber." (Apg, 19,18-19). In dieser Passage kann man aber nur aus dem Kontext vermuten, dass Bücher mit Zaubersprüchen gemeint sind.[56] Die große Menge der hier vernichteten Bücher macht entweder die Passage unglaubwürdig oder lässt nur den Schluss zu, dass es sich nicht um Zauberbücher im heutigen Sinne gehandelt hat.[57] Von besonderer Relevanz ist nun, dass es ausser dieser Bibelstelle erst wieder ab dem 4. Jh. Nachweise für die Verbrennung von "Zauberbüchern" im Rahmen christlicher Bekehrung gibt.
Von ca. 350 bis ins Mittelalter hinein gibt es einige Schilderungen wie der Besitz von "Zauberbücher" lebensgefährlich war, sie gezielt gesucht und vernichtet wurden. Vor allem in der Zeit ca. 350-400 konnte es auch für den Besitzer tödliche Folgen haben:
"In dieser Zeit wurde mit größter Strenge gegen die Besitzer von Zauberbüchern vorgegangen. Von Johannes Chrysostomos erfahren wir, daß Soldaten seine Heimatstadt Antiochien am Orontes genau nach magischen Schriften durchsuchten. Als er selbst zu dieser Zeit mit seinem Freund am Orontes entlangging, sahen sie einen Gegenstand auf dem Fluß schwimmen. Sie zogen ihn heraus und erkannten, daß sie ein verbotenes Zauberbuch in Händen hielten. Im selben Augenblick zeigten sich in ihrer Nähe Soldaten. Doch es gelang ihnen noch, das Buch unbemerkt im Gewand zu verstecken und es wenig später wieder in den Fluß zu werfen. So entgingen sie der Lebensgefahr. Wie Chrysostomos weiter berichtet, hatte ein Besitzer eines Zauberbuches dieses aus Angst vor den Verfolgern in den Fluß geworfen. Er wurde dabei beobachtet, der Zauberei überführt und mit dem Tode bestraft."[58]
Ausser Ammianus gibt es offenbar noch weitere Quellen, wonach zu dieser Zeit zum Auffinden heidnischer Bücher auch Hausdurchsuchungen durchgeführt wurden.[59] Etwa 100 Jahre später (487 bis 492) gibt es weitere Berichte von Hausdurchsuchungen. Studenten in Beirut fanden bei einem "Johannes mit dem Beinamen 'Walker' aus dem ägyptischen Theben" Zauberbücher. Er hatte sie dann selbst verbrannt und wurde gezwungen die Namen von anderen Besitzern anzugeben. Daraufhin beginnen die Studenten, "unterstützt vom Bischof und der weltlichen Obrigkeit", eine grössere Suchaktion. Sie finden bei anderen Studenten und einigen namhaften Personen derartige Bücher und verbrannten sie vor der Kirche.[60] Hinrichtungen der Besitzer werden nun nicht mehr erwähnt.
Im Jahre 526 lies Kaiser Justinian die Akademie von Athen schließen. Im Jahre 546 erliess er ein Lehrverbot für Heiden und lies heidnische "Grammatiker, Rhetoren, Ärzte und Juristen" verfolgen und 562 "heidnische Bücher" öffentlich Verbrennen.[61] Aus der Reihenfolge dieser Ereignise lässt sich schliessen, dass die heidnischen Bücher wahrscheinlich erst mit Hausdurchsuchungen gefunden wurden. Dies macht deutlicher warum Chrysostomos um 400 heidnische Bücher am ehesten noch im Besitz von Christen vermutete. Sie waren von entsprechenden Hausdurchsuchungen nicht oder weniger bedroht.
Die Verbindung zwischen den klassischen Wissenschaften und den Zauberbüchern könnte aber noch direkter sein als bisher angenommen. So werden in den Gesetzen der Spätantike seit 409 "Mathematiker" verpflichtet "ihre Bücher vor den Augen der Bischöfe zu verbrennen, andernfalls seien sie aus Rom und allen Gemeinden zu vertreiben."[62] Üblichweise werden Mathematiker in der Spätantike mit Astrologen gleichgesetzt. Dies erscheint aber nicht zwingend. Unter Mathematik verstand die Antike wesentliche Teile der klassischen Wissenschaften. Nur im einfachen Sprachgebrauch wurden darunter Astrologen (Sterndeuter) verstanden.[63]
[Bearbeiten] Der Kontext der Spätantike
Diese Darlegung des spätantiken Teils der Überlieferungsgeschichte wird noch durch andere Informationen gestützt. Die antike Welt hatte wahrscheinlich einen relativ hohen Alphabetisierungsgrad. Plinius schrieb seine Enzyklopädie ausdrücklich für Bauern. Papyrusfunde aus Ägypten bestätigen, dass auch arme Bauern in den Provinzen offenbar lesen und schreiben konnten. Ein Grabstein gefunden in Bayern, gesetzt von einem Sklaven für einen Sklaven, deutet sogar auf Alphabetisierung ländlicher Sklaven in den Provinzen. Für städtische Sklaven war dies schon länger belegt.
Nach einer Verfügung im 4. Jh. war es nur noch Christen erlaubt, als Lehrer tätig zu werden (Julian Apostata hatte 362 versucht, die Christen vom Lehrbetrieb faktisch auszuschließen, der staatliche Eingriff in das Bildungswesen rührte aus dieser Zeit und wurde auch von den christlichen Kaisern nicht rückgängig gemacht). Dies war offenbar der Beginn des Schulmonopols durch die Kirche, das diese noch am Ende des Mittelalters gegen säkularen Einfluss verteidigte. Um 700 war die Alphabetisierung im christlichen Europa aber bei nahe Null angelangt. Dies scheint auch mit der überlieferten antiken Literatur zu tun gehabt haben. Augustinus von Hippo (354-430), der bedeutenste Kirchenvater der Spätantike, argumentierte für den Erhalt des heidnischen Schrifttums. Aber im Prinzip nur verschlossen in einer Bibliothek, denn er wollte es weder verbreitet noch gelehrt sehen. Er sprach sich gegen die Lehre der ars grammatica und alles was dazu gehört aus. Nur kirchliche Schriften seien zu benutzen.[64]
Es war daher voll auf der Linie des Kirchenvaters, wenn Pabst Gregor der Große (540-604) eine deutlich negative Haltung zur antiken Bildung verfestigte. Er vermied strikt antike Zitate, tadelte empört einen Bischof der Grammatik unterrichtete und lies dies schliesslich sogar per Gesetz verbieten.[65] Ebenso Isidor, der in seinen Regeln für das Mönchstum warnte, nur sehr gefestigten Schülern dürfe erlaubt sein, heidnische Schriften zu lesen. Wahrscheinlich ein Grund, warum er versuchte Zusammenfassungen davon zu schreiben. Hagendahl: Man fühlt sich nach Cassiodor, sagt Manitius, "in eine andere Welt versetzt: Mystik, Aberglaube und Wundersucht überwuchern jetzt die früher oft so logische und sachgemäße Darstellung".[66]
Als Folge dieser Kulturpolitik konnte die Kirche aber nicht einmal in ihrem inneren Bereich den Alphabetisierungsgrad halten. Cassiodor kämpfte mit der geringen Alphabetisierung seiner Mönche und scheiterte daran. Lowe: "Von den Regeln der Orthographie und Grammatik, die er niederlegte, kann man ermessen wie tief die Gelehrsamkeit zu seiner Zeit bereits abgesunken war."[67] Zur Zeit Isidors musste dann ein Gesetz erlassen werden, das Analphabeten vom Amt des Bischofs ausschloss - das höchste Amt, das die Kirche damals zu vergeben hatte.
Bischof Isidor von Sevilla, der bedeutendste Autor des Frühmittelalters, konnte zwar lesen und schreiben. Seine Bildung war jedoch so gering, dass er mitunter den Inhalt von Texten nicht verstand. Er hielt die Erde für eine runde Scheibe. Ein antiker Text, der die Klimakreise beschrieb, interpretierte er als Kreise, die auf der Oberfläche dieser Scheibe verteilt seien.[68] Er war zumindest teilweise was man heute einen funktionalen Analphabeten nennt. Dennoch war er, besonders wegen seiner im Mittelalter sehr verbreiteten Encyklopädie, der bedeutendste christliche Gelehrte seiner Zeit. Und: "Isidor war dem Mittelalter Autorität für die Beurteilung der heidnischen Autoren."[69]
Die meisten Mönche des Mittelalters waren ebenfalls Analphabeten. Selbst viele Schreiber von Codices malten nur das textliche Bild der Vorlage ab.[70] Dies hatte aber auch den Vorteil, dass die Kopien dieser Zeit sehr originalgetreu sind – man wagte nicht, die Vorlage zu "verbessern".
Aus dem 16. und 17. Jh. zurückrechnend kommt man für den Beginn des Spätmittelalters, um 1350, auf einen Alphabetisierungsgrad in Europa von etwa 1 %. Grob geschätzt bedeutet dies, die 90 % Landbevölkerung sind völlige Analphabeten, von den 10% Stadtbevölkerung sind es dann wiederum nur 10 %, die lesen und schreiben können. Das Mittelalter zeigte von 700 bis 1500 aber Hinweise für eine ständige Zunahme der Schriftlichkeit. Daraus geschlossen muss der Alphabetisierungsgrad um 600, zur Zeit Isidors, deutlich unter 0,1 % gelegen haben. Es könnte damals in Europa weniger als 1000 Menschen gegeben haben, die lesen und schreiben konnten. Eventuell konnten für einige Jahrhunderte in Europa mehr Juden lesen und schreiben als Christen. Ein Grund für die Kirche, um ihre kulturelle Vormacht zu erhalten, diese Gruppe von Christen zu isolieren. Der Antisemitismus des Mittelalters ist unter diesem Aspekt noch nicht untersucht worden.
[Bearbeiten] Glossar - Quantitativ
[Bearbeiten] Das Buch
Der Begriff Buch ist in der Überlieferung nicht immer eindeutig. Erst aus dem Kontext kann man schliessen oder vermuten, ob eine Rolle oder ein Codex gemeint ist. Allgemein gilt ein Buch als ein Titel und ein Band. Dies ist heute üblich, galt aber nicht für den Codex vor 1500. Ein physisches Buch wird im Deutschen als Band bezeichnet, dies muss aber nicht für das englische "Volume" gelten.
[Bearbeiten] Die Rolle
Die Rolle war in der Antike als Buch mit literarischem Inhalt (im Gegensatz zu Urkunde oder Brief) aus Papyrus und meist einseitig beschrieben. In etwa kann man eine Rolle mit einem Titel gleichsetzen (s.u.). Am wichtigsten für statistische Angaben sind die Rollen von Oxyrhynchos. Die Buchrollen unter den Funden von Oxyrhynchos stammen vom 1. bis zum 7. Jahrhundert. Bereits im 4. Jh. kam es zu einem massiven Einbruch (-75%) der Buchproduktion bei gleichzeitig rapidem Anstieg (+500%) des christlichen Anteils.[71] Der Datensatz betrifft daher fast nur das 1. bis 4. Jh. Er reicht nicht vor das 1. Jh., da die lokalen Bedingungen, wahrscheinlich die in Tiefe zunehmende Bodenfeuchte, das tiefere, ältere Material, vernichtet haben.
Nach diesen Daten von W.A. Johnson, The Literary Papyrus Roll(Yale 1992), betrug die durchschnittliche Länge 10.3 m. Dies ist jedoch eine Hochrechnung von Fragmenten, beeinflusst auch durch einige vermutlich große Rollen (19 bis 29 m) Herodot, Plato und Thucydides. Die Existenz solch großer Rollen scheint andernorts belegt. Axon erwähnt eine 120 feet (40 m) lange Homer-Rolle, geschrieben mit Goldbuchstaben, als Bestand der Palastbibliothek von Konstantinopel um 400.[72] Vermutlich war es ein immer ausgebreitet präsentiertes Ausstellungsstück aus einer heidnischen Schule oder Bibliothek.
Der bedeutende deutsche Papyrologe Dieter Hagedorn schätzt die durchschnittliche Rolle auf 3 bis 4 m, glaubt aber, "Rollen von 10 m Länge dürften keine Seltenheit gewesen sein."[73] Pöhlmann kommt von Literaturrecherchen auf einen Wert von 6 bis 11 m. [74] Vielleicht kann man von einer durchschnittlichen Länge der Buchrolle von 6 bis 8 m ausgehen. Besonders relevant ist dieser Wert aber nur zur Berechnung der Bestände von Schränken in Wandnischen, wenn nur noch diese Gemäuerüberreste von einer antiken Bibliothek vorhanden sind.
Wichtiger ist die durchschnittliche Anzahl der Buchstaben pro Rolle. Sie betrug bei Johnsons Datensatz von Oxyrhynchos 83.300 pro Rolle. Werte von 150.000 scheinen für 10 bis 12 m lange Rollen großer Werke, etwa Herodot, noch üblich gewesen zu sein. Die durchschnittliche Buchstabenbreite betrug 3,3 mm, konnte aber auch von 5 bis unter 2 mm reichen. Die Anzahl der Buchstaben pro Rolle ist daher unabhängig von der durchschnittlichen Größe der Rolle.
Axon stellte eine Statistik von 14 Werken von 7 überlieferten berühmten lateinischen Autoren auf. Sie sind zwar nur als Codex überliefert, da sich aber die Werke in Rollen ("Bücher", "Volumes") unterteilten, kann man gut auf die Anzahl der Rollen schließen. Es waren insgesamt 141 Rollen mit zusammen 7'755'903 Buchstaben. Axon erhielt so einen Durchschnittswert von 53'860 Buchstaben pro Rolle. Die Vermutung liegt nahe, dass die Römer, wohlhabender und praktischer veranlagt als die Ägypter, etwas kleinere Rollen bevorzugt haben. Im folgenden wird der Wert von Oxyrhynchos mit 83'300 Buchstaben pro Rolle verwendet, da er auf einem größeren Datensatz beruht.
[Bearbeiten] Der Codex
Der Codex, der unseren heutigen Büchern ähnelt, war bereits im 1. Jh. in Rom auch für triviale Literatur üblich.[75] Meist aus Pergament war der Codex mitunter handlicher, aber immer teurer als die Papyrus-Rolle. Codices mit Papyrus Seiten waren ebenfalls üblich. Die meisten antiken sind durch Funde aus Ägypten bekannt und enthielten vom Umfang her etwa 4 Papyrus-Rollen. Allerdings änderte sich die Größe des Codex in drastischer Weise in der Spätantike.
Bis zum 3. Jh. ist kein Codex bekannt, der mehr als 300 Seiten (150 Blätter) gehabt hätte, die meisten hatten weniger. Ab 400 und aus dem 5. Jh sind dann Codices überliefert, die mindestens 638, 1460, 1600 und 1640 Seiten hatten. Ulpians 35 Rollen "Ars Edictum" fanden sich zu der Zeit in 3 Codices zu je 14, 11 und 7 Rollen. Gregor der Große erwähnt, er habe in 6 Codices den Text von 35 Rollen untergebracht.[76] Roberts und Skeat rechnen bis Ende der Spätantike mit durchschnittlich 6 Rollen pro Codex.[77] Die großen Codices der Spätantike waren aber unhandliche, überformatige Monstren von 10 bis 20 kg Gewicht. Ein Wert von 4 Rollen pro Codex passt weitaus besser zum lateinisch-mittelalterlichen Codex, der um 800 auch etwa diese Textmenge (4 x 83.300) und Titelzahl umfasste. Gegen Ende des Mittelalters, beim Übergang vom Pergament zum billigeren Papier, könnte sich die Titelzahl weiter verringert haben. Mit der Verbreitung des Buchdrucks war dann nur noch ein Titel üblich. Der Begriff Codex sollte eher handschriftlichen Büchern vorbehalten sein. Es gab sie noch bis ins 18. Jh., da das Kopieren einzelner Bücher deutlich billiger war als eine Auflage im Druck.
[Bearbeiten] Titelzahl bei Rolle und Codex
In der Antike sehr verbreitete große Werke enthielten einige Rollen pro Titel. Die lateinische Aufstellung Axons (s.o.), die er für repräsentativ hält, kam bei 14 Titel (Werken) auf durchschnittlich 10 Rollen pro Titel. Allerdings bezieht sich dieser Wert nur auf überlieferte Bücher. Aus der Antike selbst gibt es für die Zeit um 235 v. Chr. eine deutliche Aussage. Demnach enthielt die Bibliothek von Alexandria damals von 490.000 Rollen 400.000 (80%) mit "gemischtem Inhalt".[78] Damit könnten nicht nur mehrere Titel sondern sogar mehrere Autoren pro Rolle gemeint sein. Mehrere Titel auf einer Rolle könnte auch auf ungewöhnlich große Rollen in der Anfangszeit der Bibliothek hindeuten. Unsere Daten zur Größe der Rollen stammen vor allem aus der wirtschaftlich besseren, pragmatischeren römisch-kaiserzeitlichen Periode. Sieht man die Rollengröße der alten griechischen Klassiker (Homer, Herodot, usw.) im Verhältnis zu den Werten von Oxyrhynchos oder der Lateiner Statistik von Axon, so zeigt dies eine Verringerung der durchschnittliche Größe der Rolle. Dies würde dann eher auf nur einen Titel pro Rolle führen.
Wie lässt sich die Diskrepanz zwischen dem antiken Wert von einer Rolle pro Titel zu dem überlieferten Bestand von im Mittel 10 Rollen pro Titel erklären? Es könnte mit der Überlieferung durch große spätantike Codices zu tun haben. Die Editionen um 400 werden die berühmtesten (erlaubten) Werke ihrer Zeit enthalten haben. Dies waren dann vor allem große Werke von Plinius, Livius und Aulus Gellius mit 37, 35 und 20 Rollen. Die 3 Titel von Tacitus, die je eine Rolle umfassen, wurden wohl nur überliefert weil sie mit den Annales (12 Rollen) und Historia (5) in einem Codex zusammengefasst waren. Bei einer personenbezogenen Titelauswahl mit Neigung zu den berühmtesten und damit meist größten Werken ist beim so erhaltenen Corpus ein deutliches Anwachen der Rollenzahl pro Titel zu erwarten.
Interessant ist dazu die Feststellung von J. O. Ward. Demnach war das im Mittelalter zirkulierende Medium nicht der Codex, der heute in der Bibliothek steht, sondern das "Booklet". Es war vom Umfang her nicht größer als 1 bis 2 Rollen. Mehrere Booklets wurden dann im Mittelalter, meist sogar später, zu Codices zusammengebunden.[79] Da ein zirkulierendes Booklet mindestens einen Titel umfassen musste, scheint die typische Titelgröße auch im Mittelalter bei 1 bis 2 Rollen gelegen zu haben. Die Größe eines durchschnittlichen Werkes, eines Titels, vor der Zeit des Buchdrucks, war daher eher im Bereich eines größeren Zeitschriftenartikels und nicht dem eines heutigen Buches. Die Gleichsetzung eines Titels mit einer Rolle dürfte für die Antike zumindest die Größenordnung sicher treffen.
[Bearbeiten] Anmerkungen
- ↑ Diese extreme Durchsetzung religiöser Normen ist der wesentliche Unterschied der religiösen Praxis des Mittelalters im Vergleich zu der der Antike oder der Moderne. Tausende wurden im Mittelalter als Abweichler hingerichtet. Interessant der Fall des Roger Bacon (1220-1292). Er war Mönch von wohlhabender Herkunft und hatte Kentnisse aus zumindest einem, heute verlorenen, verbotenen Buch aus heidnisch-klassischer Zeit. Bacon wollte eine auf Experimente bassierende Naturwissenschaft aufbauen, wie später Galilei. Schon recht berühmt wurde er wegen dieser neuen Ideen in seinem eigenen Kloster inhaftiert.
- ↑ Eine Sammlung der Überlieferungslinien der wichtigsten lateinischen Texte gibt Michael von Albrecht: Geschichte der römischen Literatur. Bd. I und II, dtv, München 1997. Allerdings ohne die Überlieferungsgeschichte der 2. bis 4. Phase.
- ↑ Eigentlich vor allem der Fotografie selbst. Der CLA wurde erst möglich als man Detailfotografien aller Codices an einer Stelle zum Vergleich zur Verfügung hatte. Denn es war unmöglich die wertvollen Codices selbst alle an einen Ort zum Studium zu verbringen. Lowe machte dies in Princeton. Kopien seiner umfangreichen Fotosammlung gibt es noch andernorts.
- ↑ Hans Gerstinger, Bestand und Ueberlieferung, Graz 1948.
- ↑ Although much Greek literature has been preserved, the amount actually brought down to modern times is probably less than 10 % of all that was written (Elmer D. Johnson, A History of Libraries in the Western World, London 1965).
- ↑ So die überlieferten Bestandszahlen beim Tod des Bibliotheksvorstehers Kallimachos (ca. 240-235 v. Chr. nach Parsons) bis zum Besuch Caesars in Edward A. Parsons, The Alexandrian library. Glory of the Hellenic world. Its rise, antiquities, and destructions, 1952.
- ↑ Die große Bibliothek existierte damals wahrscheinlich noch, von Caesar wurde sie jedenfalls nach heutigem Stand der Forschung nicht zerstört, vgl. Sylwia Kaminska in Wolfram Hoepfner, Antike Bibliotheken, Mainz 2002. Dem caesarkritische Geschichtsschreiber Cassius Dio zufolge vernichtete das Feuer nur Warenhäuser am Hafen, die Getreide und Bücher enthielten. Dies ist auch das Ergebnis der Analyse von Robert Barnes, Cloistered Bookworms in the Chicken-Coop of the Muses. The Ancient Library of Alexandria, in Roy MacLeod (Hrsg.), The Library of Alexandria, London 2000 und der umfangreichen Quellenkritik von Edward A. Parsons, The Alexandrian library. Glory of the Hellenic world. Its rise, antiquities, and destructions, 1952. Das Museion, das Gebäude der Bibliothek, ist bis um 380 nachgewiesen, so Mostafa El-Abbadi (siehe unten).
- ↑ So auch Parsons’ Schätzung. Der Kleine Pauly schätzt unter dem Stichwort Alexandria ohne Begründung nur 900.000.
- ↑ In der frühen Kaiserzeit war es für Autoren eine Ehre, in den großen Bibliotheken enthalten zu sein
- ↑ Zur Palastbiliothek von Konstantinopel siehe Pöhlmann, Einführung in die Überlieferungsgeschichte, 1994. Die Schätzung von 100 bei Cassiodor beruht auf der Titelliste von Franz und Mynors (siehe unten) sowie etwa 4 Titeln pro Codex, was eher typisch um 800 war. Die Codices im 5. Jahrhundert waren aber meist deutlich größer als um 800. Daher könnte der Verlustfaktor bei Titeln in diesem Beispiel sogar die 10.000 erreichen.
- ↑ Finally, it defends my library, also, which the same men accused, on the ground that it conceals unrevised copies. These spiteful fellows have not kept their hands even off things like these. (Brief 154 des Synesius von Cyrene an Hypatia, zitiert nach [1].
- ↑ Hans Gerstinger, Bestand und Überlieferung, Graz 1948.
- ↑ Nach Titelliste unter „Varro“ in Der Kleine Pauly, Bd. 5, Sp. 1131 ff.
- ↑ Julian Krüger, Oxyrhynchos in der Kaiserzeit, 1990.
- ↑ William A. Johnson, The literary papyrus roll, 1992.
- ↑ L. D. Reynolds (Hrsg.), Texts and Transmission, Oxford 1983; Angelika Haese, Mittelalterliche Bücherverzeichnisse aus Kloster Lorsch, Dissertation, Wiesbaden 2002.
- ↑ Empfehlenswert die Übersicht von Karl Christ und Anton Kern, Das Mittelalter, in Georg Leyh (Hrsg.), Handbuch der Bibliothekswissenschaft, Band 3,1, Geschichte der Bibliotheken, Bd. 1, Wiesbaden 1955. Ebenso J. O. Ward, Alexandria and its Medieaval Legacy. The Book, the Monk and the Rose in Roy MacLeod (Hrsg.): The Library of Alexandria, London 2000.
- ↑ Eine Rolle mit 83'300 Zeichen braucht bei 1 Zeichen pro Sekunde etwa 23 Stunden Schreibzeit. Zusammen mit der Herstellung der Papyrusrolle und einigen Zeichnungen ist das gut innerhalb 4 Arbeitstagen machbar. Mit 400 Personen (Alexandria hatte mindestens mehrere 100'000 Einwohner) wäre ein Auftrag von 40'000 Rollen dann innerhalb 400 Tagen zu erledigen.
- ↑ Bucheditionen aus Alexandria wurden als besonders hochwertig betrachtet und stellten offenbar einen Markt dar. Unter Kaiser Domitian (81-96) konnte der Verluste einer öffentlichen Bibliothek in Rom mit einer Lieferung aus Alexandria ausgleichen werden. (Pöhlmann).
- ↑ Tzetzes, Prolegomena de comoedia Aristophanis 2,10.
- ↑ "The durability of both under normal condition is not oben to doubt. Many instances of long life of writings on papyrus could be quoted, but this is no longer necessary, since the myth that papyrus is not a durable material has at last been authoritatively and, one would hope, finally refuted by Lewis (op. cit., pp. 60-1). (Verm.: Lewis, Naphtali: Papyrus of Classical Antiquity, Oxford 1974.) Aus: Roberts, Colin H., Skeat, T. C: The Birth of the Codex, London (1983), pp. 6f
- ↑ Galen (129-216) schrieb, dass er für seine Edition von Hippokrates 300 Jahre alte Rollen aus einer Bibliothek verwendete. (Pöhlmann, Egert: Einführung in die Überlieferungsgeschichte und in die Textkritik der antiken Literatur (1994) S. 77
- ↑ Krüger, Julian: Oxyrhynchos in der Kaiserzeit (1990)
- ↑ Kaster, Robert A.: Geschichte der Philologie in Rom, in: Graf, F. (Hg.): Einleitung in die lateinische Philologie, Stuttgart (1997), S. 15
- ↑ Christ und Kern über Cassiodors Bibliothek: "In unermüdlichem Sammeln und Suchen, unterstützt durch das Abschreiben seiner Mönche, hat er sie vereinigt. Aus ganz Italien, aus Afrika und den verschiedensten Ländern waren die Codices gekommen; die reichen Mittel Cassiodors, der Ruf seines Namens hatte den Erwerb ermöglicht." S. 287 in: Leyh, Georg (Hg.): Handbuch der Bibliothekswissenschaft, Band 3,1 - Wiesbaden 1955, Kap.: DAS MITTELALTER, Von Karl Christ ergänzt von Anton Kern
- ↑ Mynors, R. A. B.: Cassiodori Senatoris Institutiones, Oxford (1937)
- ↑ Lehmann, Paul: Erforschung des Mittelalters, Ausgewaehlte Abhandlungen und Aufsaetze, Bd. II, Stuttgart 1959
- ↑ Encyclopedia of Library History (1994)
- ↑ "The major libraries of antiquity had disappeared by c600 AD and early monastic libraries might have contained around 20 or so books." Ward glaubt auch ohne Verweiss auf Cassiodor und Isidor den Verlust vor 500 belegen zu können. J. O. Ward: "Alexandria and its Medieaval Legacy: The Book, the Monk and the Rose" in MacLeod, Roy (Ed.): The Library of Alexandria, London 2000
- ↑ Leyh, Georg (Hg.): Handbuch der Bibliothekswissenschaft, Band 3,1 - Wiesbaden 1955, Kap.: DAS MITTELALTER, Von Karl Christ ergänzt von Anton Kern, S. 243
- ↑ Johnson, Elmer D.: A History of Libraries in the Western World, London 1965, p. 77; Wendel und Göber sehen diese Motivation auch auf lokaler Ebene: Leyh, Georg (Hg.): Handbuch der Bibliothekswissenschaft Band 3,1 - Geschichte der Bibliotheken, Bd.1, Wiesbaden 1955, S. 79
- ↑ So die Interpretation von Wendel und Göber (s.o.). Zusätzlich gestützt durch die Aussage des Aphthonius von Antiochia, der sie Ende des 4. Jh. besuchte. Er beschrieb die Räume voll mit Büchern die für jeden zugänglich seien und "die ganze Stadt anzogen um die Weisheiten zu verinnerlichen." (Aphthonius, Progymnasmata, 12)
- ↑ Mostafa El-Abbadi: Life and Fate of the ancient Library of Alexandria, 2ed ed, Paris 1992 - "Synesius of Cyrene, who studied under Hypathia at the end of the fourth century, saw the Mouseion and described the images of the philosophers in it.33 We have no later reference to its existence in the fifth century. As Theon, the distinguished mathematician and father of Hypathia, herself a renowned scholar, was the last recorded scholar-member (c. 380),34" [33 Synesius, Calvitii Encomium, 6.], [34 Suidas, s.v. Theon]
- ↑ Geschichte der Bibliotheken, Bd. 1, in: Leyh, Georg (Hg.): Handbuch der Bibliothekswissenschaft, Band 3,1 - Wiesbaden 1955, Kapitel 2, von Carl Wendel, ergaenzt von Willi Göbe, S. 80
- ↑ „Sodann wurden zahllose Bücher und viele Haufen von Schriftrollen zusammengetragen und vor den Augen der Richter verbrannt. Man hatte sie in Häusern wegen ihres angeblich verbotenen Inhalts ausfindig gemacht, und nun sollten sie dazu dienen, den üblen Eindruck der Hinrichtungen zu verwischen. Dabei handelte es sich größtenteils doch nur um Werke über die verschiedenen freien Wissenschaften und über Rechtsfragen.“ (Ammian 29,1,41). Nach den Hinrichtungen, die mit dem Besitz von "Zaubertexten" begründet wurden: „So kam es denn in den östlichen Provinzen, dass aus Furcht vor ähnlichen Schicksalen die Besitzer ihre ganzen Bibliotheken verbrannten; denn ein solcher Schrecken hatte alle erfasst.“ (Ammian 29,2,4)
- ↑ "bibliothecis sepulerorum ritu in perpetuum Clausis" Ammianus Marcellinus 14.6.18
- ↑ Am deutlichsten vertreten wird dies von George W. Houston: A Revisionary Note on Ammianus Marcellinus 14.6.18: When did the Public Libraries of Ancient Rome close?" (Library Quarterly, vo. 58, no. 2, pp. 258-264.) Houston nennt wesentliche Vorgänger mit anderer Meinung und begründet dann seine vor allem mit 2 Punkten: Es gäbe keine weiteren Hinweise auf eine Schließung und zumindest die Trajansbibliothek sei bis 455 nachweislich geöffnet gewesen. Beide Punkte sind schlicht falsch. Das Edikt Kaiser Theodosius’ I. von 391 zum schliessen heidnischer Tempel und der Kampf des Christentums um die kulturelle Vorherrschaft, mit der Zerstörung von Bibliotheken, werden nicht erwähnt. Aber gerade dieser Hintergrund war bisher ein wesentlicher Grund Ammians Text so zu interpretieren. Houston führt statt dessen an, ein Draconitus will gegen Ende des 4. Jh. einen Text in der "scola" des Trajanforums in Rom gelesen und editiert haben. Wenn dies vor 390 war ist es nicht relevant. Selbst danach sollten Schulen am Trajans Forum, was eine Art Geschäftszentrum Roms war, noch lange zu erwarten sein. Über die Existenz der Bibliothek sagt es nichts. Ein weiteres Argument das Houston für die Existenz anführt ist Sidonius Apollinaris. Dieser schrieb, er habe 455 eine Statue verliehen bekommen. Sie sei auf dem Trajans Forum "zwischen den Autoren der beiden Bibliotheken" aufgestelt worden. Die Trajansbibliothek war in zwei Gebäude (latein/griechisch) verteilt und Statuen der Autoren standen davor. Da die Statuen noch standen schliesst Houston auch die Bibliotheksgebäude mussten noch da gewesen sein - und sie mussten auch noch geöffnet gewesen sein! Warum er dies schloss schrieb Houston nicht.
- ↑ Paulus Orosius: The seven books of history against the pagans. transl.: Irving Woodworth Raymond, Columbia University Press 1936, (BOOK SIX) p. 298
- ↑ wg. Sidonius Apollinaris, s.o. Houston
- ↑ Houston (s.o.) argumentiert es seien in der Notitia Dignitatum auch keine Verwalter für die Strassen Roms oder die Spiele genannt. Aber die Strassen Roms verfielen auch nach 400. Die Erwähnung einer Tierhatz 523 ist kein Hinweiss auf eine umfängliche (um einen Verwalter zu benötigen) Fortsetzung der Spiele in Rom nach 400.
- ↑ John, Crysostom, Discourse on blessed Babylas = Liber in S. Babylam et Contra Gentes 11: "The philosophers and talented orators had a great reputation with the public on account of their dignity and ability to speak. After the battle against us they became ridiculous and seemed no different from foolish children. From so many nations and peoples, they were not able to change anyone, wise ignorant, male, female, or even a small child. The estimation of what they wrote is so low that their books disappeared a long time ago, and mostly perished when they first appeared. If anything at all is found preserved, one finds it being preserved by Christians."
- ↑ "...they assault the temple carrying wooden beams, stones and iron tools or even without these items with their hand and feet. Then they are an easy prey; even though they destroy the roofs, raze the walls to the ground, pull down the statues and tear down the altars, the priest have to keep silent or they have to die." Libanius (speech 30,8) nach Sauer, The Archaeology of Religious Hatred, (2003), p. 159
- ↑ "There can be no doubt on the basis of the written and archaeological evidence that the Christianisation of the Roman Empire and early medieval Europe involved the destruction of works of art on a scale never before seen in human history." Sauer, p. 157
- ↑ Es war das Mithraeum von Sarrebourg. Es zeigte starke Spuren von Ikonoklasmus. Ein Reliefbild wurde in über 300 Teile zerschlagen. Die jüngste gefundene Münze stammte aus dem Jahr 394. Die Hände des Mannes waren mit eisernen Handschellen hinter seinem Rücken gefesselt. Er hatte keine Grabbeigaben und kaum Kleidung. Es gab keinen bekannten Ritus der bei einem Toten oder Verletzten eine solche Fesselung vorsah. Demnach wurde der Mann wahrscheinlich lebendig in der Gruft eingeschlossen und ist nach einigen Tagen darin verstorben. Beim nicht unbeträchtlichen Wert solcher Eisenteile in der Spätantike lässt dies auf Täter schliessen die keine materiellen Interessen hatten. Archäologische Diskussion des Falles bei Sauer über das Buch verteilt.
- ↑ Der Fund fand in der Schweiz, an der Via Mala statt. Er wurde im TV dokumentiert und Sauer wird ihn in einer späteren Auflage berücksichtigen
- ↑ Es war daher lange umstritten ob Ammianus überhaupt ein heidnischer Autor war.
- ↑ Nicht nur Sauers Arbeit, auch die Daten des CLA, die Haltbarkeit von Papyrus und Pergament- Codices sowie teilweise die Größen der Bibliotheken sind im wesentlichen archäologische Informationen
- ↑ Aufgrund der Überlieferungslage ist eine gezielte Manipulation der Texte noch während der Spätantike gut möglich, aber in diesem Falle nicht unbeding nötig. Wenn die Heiden gezieltem Terror ausgesetzt waren werden nur wenige von ihnen kritische Texte verfasst haben an denen man sie hätte überführen können. Die Chance eine Stimme der anderen Seite zu lesen ist daher verschwindent gering. Denn alle uns überlieferten Texte wurden entweder von Christen ausgewählt oder verfasst.
- ↑ Das Libanius Zitat zum offenen Terror gegen Heiden wird nicht erwähnt. Chrysostomos obiges Zitat wird nur als Referenz vermerkt. Man erfährt so nicht, dass nach seiner Aussage die Bücher der Heiden gleich nach ihrem Erscheinen vernichtet wurden. Wie in der christlich geprägten Geschichtsschreibung üblich werden bei Speyer moralische zweifelhafte christliche Aktionen immer als Reaktion auf vorangegangene Aktionen der Heiden dargestellt,
- ↑ Speyer, Wolfgang: Büchervernichtung und Zensur des Geistes bei Heiden, Juden und Christen, Stuttgart 1981
- ↑ Speyer erwähnt aber nicht, dass Chrysostomos von der Vernichtung der Bücher der heidnischen Philosophen und Redner (beide Teile der klassischen Wissenschaften) schreibt.
- ↑ Speyer, S. 130
- ↑ Einer der Kirchenväter hat etwa den babylonischen Geschichtsschreiber Berossus als Magier bezeichnet.
- ↑ Speyer, S. 130
- ↑ Apg. 19,13-14; Elberfelder Übersetzung, wie auch folgend
- ↑ Das NT kennt nur in Apg 8,9ff und Apg 13,6.8 den Begriff Zauberer (gr. magoi), so Rienecker, F. (Hg.): Lexikon zur Bibel (1985), S. 1558: "Zauberei"
- ↑ Speyer nennt zur Diskussion dieser Stelle mehrere Autoren, S. 169
- ↑ Speyer, S. 132
- ↑ Speyer, S. 34, vermutet das es hierbei um "Ritualbücher" ging.
- ↑ Lebensbeschreibung des Monophysiten Severos von Antiochien, verfaßt von Zacharias Rhetor (gest. vor 553). Speyer, S. 132
- ↑ Speyer, S. 136
- ↑ Cod. Theod. 9,16, 12 (= Cod. Iust. 1, 4, 14): mathematicos, nisi parati sint codicibus erroris proprii... Speyer S.170: "... Astrologen haben ihre Schriften vor den Augen der Bischöfe zu verbrennen, andernfalls seien sie aus Rom und allen Gemeinden zu vertreiben."
- ↑ Mathematik ist "die Gesamtheit des von der Philosophie geforderten Lernstoffs, also Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik(-theorie), ja noch in der Kaiserzeit fielen Grammatik (elem. Sprachlehre und Philologie) wie Rhetorik mit darunter... Im Latein nach Gell. 1,9,6 die arithm. und geometr. Operationen bedürfenden Wissenschaften, im vulg. Sprachgebrauch einfach die Nativitäts-Astrologie..." Der Kleine Pauly, Bd. 3, S. 1078
- ↑ Kaster, Robert A.: Geschichte der Philologie in Rom, in: Graf, F. (Hg.): Einleitung in die lateinische Philologie, Stuttgart (1997), S. 14f
- ↑ Corp. iur. can. 1,86,5 "Sacram scripturam, non grammaticam licet exponere episcopis." Hagendahl, Herbert: Von Tertulian zu Cassiodor. Göteborg (1983), S. 113f
- ↑ Zitat aus Hagendahl (s.o.), S. 114. Mit Manitius zitiert Hagendahl, selbst nicht unbedeutend, einen der bedeutensten deutschen klassischen Philologen. Manitius, Max: Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters, I, München (1911), S. 94
- ↑ E. A. Lowe: Handwriting. in: The Legacy of the Middle Ages, S. 203
- ↑ "The explanation of the passage and of the figure which illustrates it seems to be that Isidore accepted the terminology of the spherical earth from Hyginus62 without taking the time to understand it - if indeed he had the ability to do so - and applied it without compunction to the flat earth. He evidently thought that zona and circulus were interchangeable terms,63 and his "circles" did not run around the circumference of a spherical earth, but lay flat on a flat earth, where they filled with sufficient completeness the orbis terrae or circle of the land. The adjustment of the two conflicting theories was extremely crude, since it involved placing the arctic and antarctic circles side by side, and the two temperate circles one in the east and one in the west. By such a blunder as this may be measured the stagnation of the secular thought of the time." Brehaut, Ernest: An Encyclopedist of The Dark Ages - Isidore of Seville. Columbia University, New York (1912). Full Text: http://bestiary.ca/etexts/brehaut1912/brehaut1912.htm
- ↑ Karl Christ und Anton Kern: Das Mittelalter, in: Leyh, Georg (Hg.): Handbuch der Bibliothekswissenschaft Band 3,1 - Geschichte der Bibliotheken, Bd.1, Wiesbaden 1955, S. 305
- ↑ Man merkte es wenn ganze Zeilen fehlten und vom Korrektor nachgetragen wurden. Etwa: Hunger, Herbert: Geschichte der Textüberlieferung der antiken und mittelalterlichen Literatur, 1. Antikes und mittelalterliches Buch- und Schriftwesen, Zuerich 1961
- ↑ Krüger, Julian: Oxyrhynchos in der Kaiserzeit (1990)
- ↑ Axon, William E. A.: On the Extent of Ancient Libraries, in: Transactions of the Royal Society of Literature of the United Kingdom. Second Series, Vol. X., London (1874), pp. 383-405.
- ↑ Hagedorn, Dieter: Papyrologie, in: Nesselrath, H.-G.: Einleitung in die griechische Philologie (1997)
- ↑ Pöhlmann, Egert: Einführung in die Überlieferungsgeschichte und in die Textkritik der antiken Literatur (1994), S. 124
- ↑ Martial macht um AD 85 in zwei seiner Bücher, im Proömion und im 14. Buch der Epigramme, Werbung für Codex Editionen von seinem Verleger Secundus und nennt auch gleich dessen Adresse. Er preist sie als handlicher, empfiehlt sie als Reiselektüre (Taschenbuch?), nennt sie aber auch umfangreicher, da sie das Gesamtwerk eines Autors enthalten können. Homers Odyssee oder Ilias in je einem Codex. Secundus Codex Angebot enthielt außer den berühmten griechischen und lateinischen Klassikern auch Werk von Martial. Sich zwischen Homer, Vergil, Cicero, Livius und Ovid in der Auslage zu finden dürfte ihm gefallen haben.
- ↑ Roberts, Colin H., Skeat, T. C: The Birth of the Codex, London (1983), p. 48
- ↑ s.o. p. 76
- ↑ Aus der illuminierten Handschrift von Tzetzes, reproduziert und analysiert bei Parsons: The Alexandrian library (1952).
- ↑ J. O. Ward: "Alexandria and its Medieaval Legacy: The Book, the Monk and the Rose" in MacLeod, Roy (Ed.): The Library of Alexandria, London (2000), p. 165