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Reizdarmsyndrom - Wikipedia

Reizdarmsyndrom

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

In der Medizin (Gastroenterologie) bezeichnet der Begriff Reizdarmsyndrom (RDS) eine Gruppe funktioneller Darmerkrankungen, die eine hohe Prävalenz haben und bis zu 50 % der Besuche beim Spezialisten ausmachen. Das Reizdarmsyndrom kann Symptome aller möglichen Darmerkrankungen nachahmen, ist jedoch, wenn diese Erkrankungen ausgeschlossen sind, ungefährlich. Synonyme Begriffe sind:

  • Irritables Darmsyndrom (IDS)
  • Reizkolon
  • Colon irritable
  • „nervöser Darm“

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Symptomatik

Symptome des Reizdarmsyndroms sind abdominelle Schmerzen oder Unwohlsein zusammen mit einer Veränderung in den Stuhlgewohnheiten unter Ausschluss einer strukturellen oder biochemischen Ursache. Eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit des Darmes gegenüber mechanischen Reizen ist ein sehr sensitives, weniger spezifisches Zeichen des Reizdarmsyndroms. Je nach Charakter der Schmerzen und der Stuhlgewohnheiten spricht man auch vom spastischen Kolon. Das Reizdarmsyndrom kann in verschiedene Untergruppen klassifiziert werden, dazu gehören Diarrhoe-prädominantes, Obstipations-prädominantes Reizdarmsyndrom und Reizdarmsyndrom mit wechselnden Stuhlgewohnheiten. Typisch ist die Überlappung mit chronischen Beckenschmerzen (ursächlich ist dafür wahrscheinlich die Fehldiagnose durch den Gynäkologen), mit Fibromyalgie und psychischen Erkrankungen.

[Bearbeiten] Diagnose

Nach den ROM II-Konsensus-Kriterien der American Gastroenterological Association und anderen medizinischen Gesellschaften kann ein Reizdarmsyndrom diagnostiziert werden, wenn folgende Kriterien erfüllt sind:

innerhalb der letzten 12 Monate mindestens 12 Wochen, die nicht in Folge sein müssen, abdominelle Schmerzen oder Unwohlsein mit zwei der drei Eigenschaften:

  • 1. Besserung mit dem Stuhl
  • 2. Beginn der Schmerzen verbunden mit einer Veränderung der Stuhlhäufigkeit
  • 3. Beginn der Schmerzen verbunden mit einer Veränderung der Stuhlkonsistenz

Nebenkriterien, die die Diagnose unterstützen, aber für sich keine Diagnose erlauben, sind:

  • abnormale Stuhlhäufigkeit (z. B. mehr als 3 Stühle pro Tag oder weniger als 3 Stühle pro Woche)
  • abnormale Stuhlkonsistenz
  • abnormales Absetzen von Stuhl (z. B. starkes Pressen, imperativer Stuhldrang, Gefühl der unvollständigen Entleerung)
  • schleimiger Stuhl
  • Blähungen und Gefühl des Aufgeblähtseins

Die Diagnose setzt voraus, dass keine strukturelle oder biochemische Veränderung die Symptome erklären kann. Das muss ausgeschlossen werden durch:


Eine Reizschwellenbestimmung durch Barostat wird als diagnostischer Test diskutiert. Sensitivität und Spezifität sind jedoch noch nicht gut genug, um es als klinische Methode anwenden zu können.

Ebenfalls diskutiert und erprobt wird die Nahrungsmittelprovokation bei gleichzeitiger Diät nach Ausschluß einer pathologisch-klinischen Diagnose allergologischer und gastroerenterologischer Untersuchungen, basierend eher auf der Annahme, daß psychische Intoleranzen die Folge langeanhaltender Erschöpfungszustände als Folge einer unentdeckten Nahrungsmittelunverträglichkeit sein können.

[Bearbeiten] Pathophysiologie

Die Ätiologie (Ursache) des Reizdarmsyndromes ist weitgehend unklar. Veränderungen der Motilität, Immunreaktionen und psychische Faktoren sind vorgeschlagen worden. Einzig konsistenter Befund bei vielen Patienten sind erniedrigte Schmerzschwellen (Hyperalgesie) im Kolon. Bis zu 50 % der Frauen mit Reizdarmsyndrom berichten eine Missbrauchsgeschichte.

Etwa 25 % der Reizdärme entstehen nach einer Gastroenteritis (z. T. nach dem Einsatz von Antibiotika). In diesen Fällen werden eine verlängerte Immunreaktion oder neuroplastische Vorgänge auf Ebene des Rückenmarks als ursächlich diskutiert, allerdings basieren diese Annahmen bisher nur auf Tiermodellen.

Das Reizdarmsyndrom wird von vielen als ein Konglomerat von Störungen mit ähnlicher Symptomatik, aber unterschiedlicher Ätiologie angesehen. Wie bei vielen anderen Krankheiten wird über Ursachen spekuliert, unter anderem von Seiten der alternativen Medizin.

[Bearbeiten] Behandlung

Die wichtigste therapeutische Maßnahme ist, dem Patienten zu versichern, dass er keine tödliche oder sonst wie bedrohliche Krankheit hat, denn das ist die größte Sorge der meisten, die sich in medizinische Behandlung begeben. Je nach den Symptomen kann die Behandlung in einer Diätberatung bestehen. Bei verstopfungs-prädominanten RDS können Laxantien eingenommen werden, bei diarrhoe-prädominantem Reizdarmsyndrom dagegen Loperamid. Krampflösende Medikamente werden nicht empfohlen, da ihr Nutzen gegenüber Placebo nicht bewiesen ist. Neuere Präparate wie Alosetron und Tegaserod, die zurzeit (Juli 2006) in Deutschland noch nicht zugelassen sind, werden von der Pharmaindustrie heftig beworben, ihr Nutzen im klinischen Alltag muss sich jedoch erst zeigen. Psychotherapie ist eine gute Behandlung für das Reizdarmsyndrom bei den Patienten, bei denen eine psychische Komorbidität besteht, jedoch sind viele Patienten nicht bereit, eine solche Therapie zu beginnen. Die Wirksamkeit der Psychotherapie scheint unabhängig von der Art der Therapie zu sein (Verhaltenstherapie, Hypnose, Entspannungstherapie, Gesprächstherapie, Gruppentherapie) Auch der Gebrauch von Antidepressiva ist eine Möglichkeit, z. B. Amitriptylin in niedriger Dosierung. Sie unterdrücken die Schmerzen und wirken sich bei manchen Patienten positiv auf die Darmmotilität aus.

Im Fachkrankenhaus Kloster Grafschaft in Schmallenberg, an der Uniklinik Frankfurt und der Uniklinik Erlangen, wird das Reizdarmsyndrom auch unter dem Aspekt der ursächlichen Überempfindlichkeit gegen bestimmte Nahrungsmittel (NICHT Allergie) betrachtet. Nach er üblichen schulmedizinischen Anamnese werden manche Patienten mit Hilfe der Nahrungsmittelprovokation, bei gleichzeitiger Diät, untersucht.

[Bearbeiten] Epidemiologie

Die Punktprävalenz in westlichen Ländern beträgt ca. 10-20 % bei einer wesentlich höheren Lebenszeitprävalenz. Die Prävalenz in Indien, Japan und der Volksrepublik China ist ähnlich. In Thailand und dem ländlichen Südafrika ist das Reizdarmsyndrom weniger häufig. In westlichen Ländern (aber z. B. nicht in Indien oder Sri Lanka) haben Frauen ein höheres Risiko, am Reizdarmsyndrom zu erkranken als Männer.

Die meisten Personen mit Reizdarmsyndrom suchen keine medizinische Hilfe auf. Es lässt sich bisher nicht vorhersagen, welche der Erkrankten Hilfe aufsuchen werden.

[Bearbeiten] Prognose

Das Reizdarmsyndrom ist weder tödlich noch mit der Entwicklung einer anderen ernsthaften Darmerkrankung verbunden. Dennoch ist die Lebensqualität bei einer Reihe von Betroffenen drastisch eingeschränkt u. a. durch die ständigen Schmerzen, unangenehme Stuhlgewohnheiten, Krankschreibungen und durch die Entwicklung sozialer Phobien. Patienten, die eine erfolgreiche Behandlung für ihre Symptome finden, können ein normales Leben führen.

[Bearbeiten] Referenz

  • Thompson WG, Longstreth GL, Drossman DA et al. (2000). Functional Bowel Disorders. In: Drossman DA, Corazziari E, Talley NJ et al. (eds.), Rome II: The Functional Gastrointestinal Disorders. Diagnosis, Pathophysiology and Treatment. A Multinational Consensus. Lawrence, KS: Allen Press.
  • Fachkrankenhaus Kloster Grafschaft, 57392 Schmallenberg-Grafschaft, Dr.med.F.-W.Riffelmann. Uniklinik Frankfurt/Main, Allergologie. Uniklinik Erlangen, Allergologie

[Bearbeiten] Weblinks

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