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Lutherbibel - Wikipedia

Lutherbibel

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Die erste vollständige Bibelübersetzung von Martin Luther 1534, Druck Hans Lufft in Wittenberg, Titelholzschnitt von Meister MS
Die erste vollständige Bibelübersetzung von Martin Luther 1534, Druck Hans Lufft in Wittenberg, Titelholzschnitt von Meister MS

Die Lutherbibel ist eine Übersetzung des Alten und Neuen Testaments der Bibel aus der althebräischen, der aramäischen bzw. der altgriechischen Sprache in die deutsche Sprache durch Martin Luther.

In der Evangelischen Kirche (EKD) ist die Lutherübersetzung in der revidierten Fassung von 1984 der zum gottesdienstlichen Gebrauch empfohlene Bibeltext und wird auch in den liturgischen Büchern verwendet.

Unter Lutherbibel versteht man daher einerseits ein Druckerzeugnis des 16. Jahrhunderts, mit Einführungen, Randglossen und Illustrationen versehen und durchaus als Gesamtkunstwerk anzusprechen, und andererseits ein für den Protestantismus zentrales Buch, das sich aus Luthers "Biblia Deudsch" bis in die Gegenwart entwickelt hat, wobei der Pietismus und die moderne Bibelwissenschaft verändernd und bewahrend ihre Anliegen einbrachten.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Der Weg zur Biblia Deudsch von 1545

Nachdem Luther auf dem Rückweg vom Reichstag zu Worms (1521) nach Wittenberg in einer vermeintlichen Entführung vom sächsischen Kurfürst Friedrich dem Weisen auf die Wartburg gebracht wurde, begann er dort - untergetaucht als Junker Jörg - mit der Übersetzung der Bibel. Im September 1522 wurde das übersetzte Neue Testament ("Septembertestament") in hoher Auflage gedruckt; jedoch wurden bereits im Dezember 1522 der Text verbessert und Bilder korrigiert.

Es wird in der evangelischen Überlieferung sehr stark herausgestellt, dass Luther sich in diesen Wochen auf der Wartburg von der Vulgata radikal ab- und dem griechischen Urtext zugewandt habe. Das ist richtig, aber nur die halbe Wahrheit. In Luthers Neuem Testament ist der Einfluss der Vulgata stark zu spüren. Ja, noch mehr: die Lutherbibel ist diejenige deutsche Bibel, die das Erbe der mittelalterlich-lateinischen Tradition im deutschen Sprachraum bis heute repräsentiert.

Das in kurzer Zeit und in einer persönlich hoch belastenden Situation von Luther übersetzte "Septembertestament" ist natürlich die ganz eigene Leistung des Reformators; schaut man jedoch auf das dann in Wittenberg in Angriff genommene Alte Testament, so stellt sich die Lutherbibel auch als Gemeinschaftswerk dar; Luthers Sprachkompetenz war im Griechischen viel höher als im Hebräischen.

Der Zeitzeuge Johannes Mathesius entwirft um 1564 in einer Predigt folgendes Bild von dem Übersetzungsprojekt: Melanchthon hätte den Septuagintatext präpariert, Cruciger die Rabbinerbibel des Jakob Ben Chajim. Bugenhagen habe den Vulgatatext vorbereitet. "Darauf proponieret dieser Präsident (Luther) einen Text und ließ die Stimmen herumgehen und höret, was ein jeder dazu zu reden hätte..."

In jahrelanger Arbeit wurde ein Buch des Alten Testaments nach dem anderen übersetzt. Dabei wirkten sicher mehr Fachleute mit als Mathesius beschreibt, z. B. auch Caspar Aquila. Im Oktober 1524 waren Pentateuch, historische und poetische Bücher fertiggestellt, wahrscheinlich im März 1526 das Buch Jona, im Juni 1526 das Buch Habakuk, im Januar 1528 das Buch Sacharja und im Oktober 1528 das Buch Jesaja.

1529 wurde das Neue Testament gründlich revidiert und 1530 endgültig ediert. Die Arbeiten an den Büchern gingen weiter, inzwischen auch mit Kommentierungen: Im Juni 1529 wurde die Weisheit Salomonis fertiggestellt, im April 1530 das Buch Daniel mit breiter, kommentierender Vorrede, und im Juni gab es kommentierte 38. und 39. Kapitel von Hesekiel (Gog). 1531 wurde der Psalter ganz neu und endgültig gestaltet.

Im März 1532 druckte der Wittenberger Hans Lufft die Bücher der Propheten. Im Januar des darauffolgenden Jahres wurde Jesus Sirach fertig gestellt und kurz danach der 1. Makkabäer, in seiner zweiten Auflage ergänzt durch die Geschichte von Susanna und Daniel sowie von Bel und dem Drachen zu Babel.

1533 gab es direkte Vorbereitungen für die Gesamtausgabe, zu denen unter anderem Revisionen von Pentateuch, historischer und poetischer Bücher des Alten Testaments, vor allem 1. Mose gehörten. Vom 4. Oktober bis zum 11. Oktober 1534 fand die Michaelismesse statt, zu der die vollständige Fassung ungebunden in 900 Folioblättern, in sechs Teilen mit je eigenem Titelblatt und eigener Blattzählung vorlag: Pentateuch, historische und poetische Bücher, Propheten, Apokryphen, Neues Testament.

1545 gab es die letzten Korrekturen der Biblia Deudsch von Luthers eigener Hand.

Der Reformator gab in seinen "Summarien über die Psalmen und Ursach des Dolmetschens" (1533) Rechenschaft über seine Übersetzungsgrundsätze: er wollte einerseits eine (für damalige Leser) flüssige Übersetzung; andererseits sollte überall dort, wo der biblische Wortlaut einen tieferen Sinn zu bieten schien, auch wortwörtlich übersetzt werden.

Luther und seine Mitarbeiter erwarben geradezu enzyklopädische Kenntnisse bei der Übersetzung des Alten Testaments. In der "Vorrede vber den Propheten Daniel" wird dem Leser die Geschichte der Makkabäerzeit detailliert dargestellt, da der historische Sitz im Leben richtig erkannt wird.(Doch dann überwältigt den Übersetzer die Zeitgeschichte: "HJe ist klerlich der Bapst abgemalet / der in seinen Drecketen vnuerschampt brüllet...")

Mathesius behauptet, daß Luther sich "etliche Schöpse abstechen ließ" und von dem Wittenberger Metzger dann die Bezeichnungen der einzelnen Innereien erfragte - um Stellen wie Lev 3,6-11 richtig übersetzen zu können.

Als Beispiel für die vielen kleinen Sachklärungen, die die Lutherbibel dem zeitgenössischen Leser anbot, hier eine Randglosse zu Hiob 9,10:

"(Orion) Jst das helle Gestirne gegen mittag / das die Bauren den Jacobsstab heissen. Die Glucke oder Henne / sind die sieben kleinen Sterne."

Bei alledem entsteht jedoch kein getreues Bild des Alten Orients oder der antiken Welt vor dem Auge des Lesers, sondern es ist immer Luthers eigene Umwelt, die von Knechten und Mägden, nicht Sklaven und Sklavinnen bevölkert wurde, in der vertraute Pflanzen wuchsen und die Schweine wie in Wittenberg üblich Braurückstände fraßen statt Schoten des Johannisbrotbaums:

"Vnd gieng hin / vnd henget sich an einen Bürger desselbigen Landes / der schicket jn auff sein acker der Sew zu hüten. Vnd er begerte seinen Bauch zu füllen mit trebern / die die Sew assen / vnd niemand gab sie jm." (Lukas 15, 15f.)

[Bearbeiten] Luthers sprachschöpferische Leistung

Eine Lutherbibel von 1667
Eine Lutherbibel von 1667

Die Bibelübersetzung Martin Luthers war nicht die erste Übersetzung der Bibel ins Deutsche, jedoch trug zu ihrer Wirkungsgeschichte erheblich bei, daß gleichzeitig die Technik bereitstand, um Bibel(teil)drucke zu erschwinglichen Preisen in großer Auflage bereitzustellen.

Darüber hinaus besitzt Luthers Übersetzungswerk Qualitäten, die seine Vorgänger nicht in diesem Maße hatten.

Luthers Leistung besteht darin, dass er einerseits im Satzbau „dem Volk aufs Maul schaute“, nämlich kurze, prägnante Sätze prägte, die der gesprochenen Sprache nahe kamen, andererseits aber auch die vereinheitlichte Sprache der Kanzleien, das „gemeine Deutsch“, aufnahm. Luthers Bibel changierte also zwischen Umgangssprache und Literatursprache, und genau das trug zu ihrer Popularität bei.

Gern bediente sich Luther aus dem Schatz der antiken Stilistik und Rhetorik. Berühmtes Beispiel für Luthers Sprachkunst ist das Spiel mit dem Vokal "i" in der Weihnachtsgeschichte:

"Jr werdet finden das Kind in windeln gewickelt / vnd in einer Krippen ligen." (Lk 2,12 in der Biblia Deudsch)

Die Sprache Luthers war das Ostmitteldeutsche; er orientierte sich in der Wortwahl jedoch immer auf den fränkischen Raum hin (Nürnberg war ein zentraler Umschlagplatz reformatorischer Ideen), und sooft er merkte, dass ein ostmitteldeutsches Wort dort unverständlich war, ließ er es zugunsten des oberdeutschen fallen. So sagte Luther privat zwar „Mägdichen“, in seiner Übersetzung steht aber „Mägdlein“.

Ein sprichwörtlich gewordener Beitrag aus Luthers engerer Heimat ist die Wendung „sein Scherflein beitragen“ (vgl. Lukas 21,2). Der Scherf war eine Erfurter Scheidemünze und ist z.B. im Stadtmuseum Erfurt in zahlreichen Prägungen zu besichtigen.

Die Beliebtheit der Lutherübersetzung führte dazu, dass katholische Theologen ihrerseits Bibeln auf den Markt brachten, die sich an der Lutherbibel orientierten, aber natürlich den Namen Luthers auf dem Titelblatt unterschlugen. Übrigens ist auch die Einheitsübersetzung als moderne katholische kirchenamtliche Übersetzung von Luthers Arbeit beeinflußt, z.B. Ps. 124,8: "Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn..." (das "steht" ist Luthers Sprache und im hebräischen Text nicht zu finden).

Luther hatte durch die weite Verbreitung seiner Übersetzung einen gewissen Einfluss auf die Entwicklung der Frühneuhochdeutschen Sprache, der jedoch lange Zeit überschätzt wurde.

Jakob Grimm urteilte: „Man darf das Neuhochdeutsche in der Tat als den protestantischen Dialekt bezeichnen.“

Das gilt in Bezug auf etliche Vokabeln, die Luther neu prägte oder denen die Lutherübersetzung über ihren ostmitteldeutschen Ursprungsraum hinaus zu überregionaler Bedeutung verhalf. Es gilt aber nicht in Bezug auf Luthers Rechtschreibung.

Luthers Weggefährte Johannes Bugenhagen, der als Pommer kompetent für das Niederdeutsche war, übersetzte Luthers Werk von 1545 seinen norddeutschen Landsleuten; trotzdem trug die Autorität der Lutherübersetzung zur Verdrängung des Niederdeutschen im protestantischen Norden Deutschlands bei.

[Bearbeiten] Von der Biblia Deudsch zu "Luther 84"

Jahrhundertelang wurde die Bibel von den Druckern und Bibelgesellschaften nach eigenem Gutdünken modernisiert, so dass es Ende des 19. Jahrhunderts notwendig wurde, in Zukunft einen einheitlichen, revidierten Text zu verbreiten.

Es ging dabei auch um die Rechtschreibung: Da die Bibel nach Luthers Übersetzung als Schulbuch diente, sollte der Schüler in ihr nichts lesen, was der Lehrer ihm beim Diktat als Fehler anstreichen würde. In den Jahren 1861 und 1863 wurden daher Grundsätze für die Feststellung eines einheitlichen Bibeltextes vereinbart und zehn Theologen mit der Revision des Neuen Testaments beauftragt. 1867 wurde probeweise ein Neues Testament herausgegeben; das Neue Testament war 1870 endgültig fertiggestellt. Jedoch gab es erst 1883 eine „Probebibel“ der Gesamtausgabe. 1892 wurde die erste „kirchenamtliche“ Revision (Durchsicht) für abgeschlossen erklärt, im Jahre 1912 die zweite.

In den Revisionen des 20.Jahrhunderts gerieten offensichtliche Fehlübersetzungen Luthers in den Blick, die seiner mangelnden Sachkunde der antiken und altorientalischen Welt zuzuschreiben waren (Beispiele: Kaninchen, Einhorn, Buchsbaum und anderes für den Orient Ungewöhnliche aus Zoologie und Botanik).

Vor allem aber änderte sich die Textgrundlage. Luther übersetzte den sog. Textus Receptus, die seit der byzantinischen Zeit vereinheitlichte und weit verbreitete, schließlich von Erasmus in Druck gegebene Textgestalt des Neuen Testaments. Die sog. Textkritik sammelt und bewertet demgegenüber die vielen Papyrusfragmente aus älterer Zeit, die zum Teil einen anderen Text bieten.

Die maßgebliche wissenschaftliche Textausgabe des Neuen Testaments, der Nestle-Aland, enthält einen unter Berücksichtigung dieser Papyrusfragmente erstellten Mischtext, der so von keiner einzigen alten Handschrift bezeugt wird. Diese wissenschaftliche Textausgabe ist aber die Grundlage der wichtigen modernen Bibelübersetzungen, sowohl der Einheitsübersetzung als auch der Guten Nachricht, und liegt auch allen Revisionsstufen der Lutherübersetzungen nach 1912 zugrunde.

1956 wurde die Revision des Neues Testaments abgeschlossen, 1964 die des Alten Testaments. 1970 wurden die Apokryphen abgeschlossen und fünf Jahre später einige Änderungen im Alten Testament zum Gebrauch angenommen, wobei zwei Gliedkirchen und Österreich die Einführung ablehnten.

In der Revision von 1975 ging es vor allem um eine Annäherung der Lutherübersetzung an den modernen Sprachgebrauch; z.B. wurde die sprichwörtliche Wendung „sein Licht nicht unter den Scheffel stellen“ (Matthäus 5,15) getilgt, da der Scheffel als Getreidemaß heute nicht mehr bekannt sei. Stattdessen hieß es nun „Eimer“, was der 1975er Übersetzung den Namen „Eimertestament“ eintrug. Der Text von 1975 scheiterte aber nicht zuletzt daran, dass er z.B. in der Weihnachtsgeschichte zu tief in den Wortlaut eingriff, den viele Leser auswendig konnten und schätzten.

Schon 1977 beschloss der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland die Rücknahme radikaler Textveränderungen der letzten Revisionsstufe des Neuen Testaments (betroffen waren ca. 120 Textstellen). Die traditionellere Textgestalt wurde 1984 zum Gebrauch angenommen, war überaus erfolgreich und beendete die langjährige Krise um die Lutherrevision.

Die Inkonsequenz der 1984er Revision war zugleich ihre Stärke: An unbekannten Stellen hat sie sich rigoros vom Luther-Wortlaut verabschiedet, überladene Satzkonstruktionen (z. B. in Lukas 1,1ff) aufgelöst, den Wohllaut der Weihnachtsgeschichte und anderer Lieblingstexte aber nicht angerührt.

Unter anderem wurde anlässlich der 1984er Revision die Schreibung biblischer Namen neu geregelt. Die gescheiterte 1975er Revision hatte die ökumenische Schreibung biblischer Eigennamen (Loccumer Richtlinien) konsequent übernommen; die 1984er Lutherbibel meinte soviel Änderung dem Kirchenvolk nicht zumuten zu können und bot bei vielen Namen wieder die altgewohnte Lutherschreibung: Nazareth statt Nazaret, Kapernaum statt Kafarnaum, Hesekiel statt Ezechiel, Hiob statt Ijob.

Dadurch entstand ein einzigartiges Durcheinander, denn einerseits wurden Namen in alter, unökumenischer Schreibung präsentiert, in denen man nicht unbedingt schutzwürdiges evangelisches Kulturgut vermuten würde (Absalom, Asser, Ephraim, Jeftah usw.), andererseits hat "Luther 84" aber viele durchaus bekannte Namen in der Form der Loccumer Richtlinien, z.B. Rut (statt Ruth), Jonatan (Jonathan), Ester (Esther). Es gibt keinerlei Konsequenz in der Wiedergabe des hebräischen "bet", das in der Bedeutung "Haus" Bestandteil zahlreicher Ortsnamen ist: Bethlehem und Bethel werden in traditioneller Schreibweise geboten, Betanien und Betfage in ökumenischer Form.

1999 wurden bei der Umstellung auf die neue Rechtschreibung einige wenige Stellen in der offiziellen Revision von 1984 korrigiert und neueste Erkenntnisse der Bibelforschung eingearbeitet.

(Die Lutherbibel ist in älterer Textgestalt nicht durch das Urheberrecht geschützt; es zirkulieren beispielsweise folgende nicht von der Deutschen Bibelgesellschaft vertriebene Editionen:

1.Lutherbibel von 1998 ("Luther 98"), die das AT beim Text von 1912 beließ und das NT an den in Augen der Bearbeiter notwendigen Stellen anhand des 'Textus Receptus' revidierte. Hinter dieser Bibel stehen offenbar Kreise, die den Textus Receptus (im Gegensatz zu wissenschaftlichen Urtexteditionen) für inspiriert halten.

2. Unter dem Titel Lutherbibel 1545 hat Michael Bolsinger eine Bearbeitung veröffentlicht, die zum Ziel hat, Luthers Text von 1545 wortgetreu in heutiger Schreibweise wiederzugeben. Dieser vor allem im Internet verbreiteten Bearbeitung liegt jedoch nicht Luthers Ausgabe letzter Hand zugrunde, sondern eine spätere Fassung.)

[Bearbeiten] Besonderheiten der Lutherübersetzung

1. Kernstellen, fett gedruckte Bibelverse, die zum großen Teil früher von den Konfirmanden auswendig zu lernen waren. Zwar hat Luther selbst einzelne Verse seiner Bibel im Druck hervorgehoben, die Kernstellen selbst sind jedoch ein Erbe des württembergischen Pietismus, der sich sehr aktiv um die Bibelverbreitung bemühte und mit Kernstellen eine Anzahl „goldener Worte“ unters Volk bringen wollte. Kritik entzündete sich daran, dass auch im biblischen Zusammenhang eher nebensächliche Sätze zu Kernstellen aufstiegen, wenn sie der Mentalität der Pietisten entgegenkamen.

Zwar wurde der Kernstellenbestand bei jeder Revision überarbeitet, diese Methode, Verse aus dem Kontext auszugliedern und der unmittelbaren Rezeption anzubieten, wurde jedoch nicht angetastet und wirkt auf heutige evangelische Frömmigkeitspraxis stark ein, indem Taufeltern oder Konfirmanden unter den Kernstellen "ihren Spruch" wählen (früher: zugeteilt bekamen), der eventuell einst sogar als Lebensmotto in die Beerdigungsansprache eingehen wird.

2. Ausgliederung der sog. Apokryphen aus dem Alten Testament, so dass letzteres bei Luther wieder den Umfang des jüdischen Kanons hat. Luther hat die Apokryphen jedoch auch übersetzt, sie in einem eigenen Bibelteil zwischen den Testamenten untergebracht und auch über sie gepredigt.

3. Eigenwillige Anordnung der Schriften des Neuen Testaments. Luther hat diejenigen Schriften, die er für theologisch fragwürdig hielt (Hebräerbrief, Jakobusbrief), an das Ende des Neuen Testaments verschoben.

[Bearbeiten] Die Lutherbibel als Heilige Schrift

Bis heute beeindruckt oder befremdet die Lutherbibel durch ihren Anspruch, nicht Übersetzung einer Heiligen Schrift zu sein, sondern die Heilige Schrift selbst. Nicht von ungefähr bietet sich in zahllosen evangelischen Kirchen eine aufgeschlagene Lutherbibel auf dem Altar der Verehrung der Gläubigen dar (gern als Auguste-Viktoria-Bibel aus Kaiser Wilhelms Zeiten, in Fraktur gesetzt - was bei ökumenischen Gottesdiensten zum Kulturschock führen kann, ist doch diese schwere Altarbibel zur liturgischen Lesung weder geeignet noch gedacht).

Kennzeichen dieses Anspruchs auf Heiligkeit ist der Umstand, daß Informationen über Übersetzungsvarianten, dunkle und unklare Stellen usw. in den modernen Editionen der Lutherbibel entweder ganz fehlen oder im Anhang versteckt sind.

Die Lutherbibel ist ein heiliger Gegenstand, mehr als irgendeine andere deutsche Bibel, und ihre Rezitation, besonders der Weihnachtsgeschichte oder des 23. Psalms, gewinnt auch im privaten Kontext liturgische Qualitäten. (Dabei hat es keinen evangelischen Gläubigen je gestört, daß Luthers 23. Psalm alles andere als eine getreue Übersetzung des hebräischen Textes ist.) Die Aufführung der Matthäus- oder Johannespassion von Bach dient außer dem musikalischen Erleben auch der Aufführung eines heiligen Textes.

Es gibt - bis heute - verschiedene Formen, mit denen der Protestantismus mit seinem Heiligen Buch umgeht. Schon im 17. Jahrhundert und bis heute gilt die Bibel als kostbares Besitztum, die als eine Buch-Ikone dekorativ in der Wohnung platziert wird. Es ist nicht ungewöhnlich, diese Bibel durch eine besondere Hülle vor Beschädigungen zu schützen.

Da nur wenige Menschen ein so umfangreiches Buch komplett lesend erfassen können, gibt es symbolische Weisen, mit denen man sich die Bibel anverwandeln kann. Jahrhundertelanger Beliebtheit erfreut sich bis heute das Aufschlagen von Bibelversen im Konfirmandenunterricht. Wie die Schulkinder im 18. Jahrhundert, so üben sich auch heutige Konfirmanden noch darin, die Reihenfolge der biblischen Bücher auswendig zu lernen. Die Lutherbibeln früherer Zeiten boten diese heilige Abfolge in Reimform dar: "... Endlich schließt die Offenbarung das gesamte Bibelbuch. Mensch, gebrauche, was du liesest, dir zum Segen, nicht zum Fluch."

[Bearbeiten] Literatur

Bibeleditionen
  • Die Luther-Bibel von 1534. Kolorierte Faksimileausgabe, 2 Bände und Begleitband (v. Stephan Füssel), Taschen Verlag, 2002 (Rezension und einige schöne Auszüge)
  • Biblia Germanica. Luther-Übersetzung 1545, Ausgabe letzter Hand. Faksimilierte Handausgabe nach dem im Besitz der Deutschen Bibelgesellschaft befindlichen Originaldruck; einspaltig. Mit zahlreichen Initialen und Holzschnitten des Meisters MS, an deren Gestaltung Luther selbst mitgewirkt hat. Deutsche Bibelgesellschaft, 1967. ISBN 3-438-05501-5
  • D. Martin Luther. Die gantze Heilige Schrifft. Der komplette Originaltext von 1545 in modernem Schriftbild. Hrsg. von Hans Volz unter Mitarbeit von Heinz Blanke; Textredaktion Friedrich Kur. Rogner & Bernhard, München 1972 (Neuausgabe: Ed. Lempertz, Bonn 2004), ISBN 3-933070-56-2
  • Die Luther-Bibel. Originalausgabe 1545 und revidierte Fassung 1912 (CD-ROM), Digitale Bibliothek 29, Berlin 2002, ISBN 3-89853-129-5 (Es handelt sich um Luthers frühneuhochdeutschen Text.)
Sekundärliteratur
  • Siegfried Meurer (Hrsg.): Die Bibel in der Welt. Band 21: Die neue Lutherbibel. Beiträge zum revidierten Text 1984. Stuttgart 1985.
  • Siegfried Meurer (Hrsg.): Was Christum treibet. Martin Luther und seine Bibelübersetzung. Bibel im Gespräch Bd.4, Stuttgart 1996, darin besonders:
    • Fritz Tschirch: Luthers Septembertestament. Eine Wende in der Übersetzung der Bibel ins Deutsche, S. 11–23
    • Klaus Dietrich Fricke: Dem Volk aufs Maul sehen. Bemerkungen zu Luthers Verdeutschungsgrundsätzen, S. 24–37
    • Wolfgang Haubrichs: Die Sprache Martin Luthers, S. 52–69
    • Hartmut Hövelmann: Die Markierung von Kernstellen in der Lutherbibel. Ihre Entstehung, ihre Entwicklung, ihre Problematik, S. 70–88

[Bearbeiten] Siehe auch

s:
Wikisource
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[Bearbeiten] Weblinks

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