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Speziesismus - Wikipedia

Speziesismus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

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Speziesismus (fälschlich oft Speziezismus genannt) ist ein 1970 von Richard Ryder geprägter Begriff (speciesism), der als theoretische Konzeption insbesondere in einen Teil der Tierbefreiungsbewegung, in die Tierethik und die Tierrechtsbewegung Eingang gefunden hat.

Der Begriff Speziesismus versucht die Ungleichbehandlung von Lebewesen aufgrund ihrer Art (der Spezies) sprachlich fassbar zu machen, da eine derartige Ungleichbehandlung im Alltag oft eine unbewusste Selbstverständlichkeit bleibt. Dabei wird davon ausgegangen, dass der Speziesismus ein soziales Konstrukt seitens der Menschen ist. Dabei wird Speziesismus als Phänomen ähnlich dem Rassismus oder Sexismus unter Menschen gesehen. Die Gegner des Speziesismus nennen sich selbst Antispeziesisten

Die Kategorisierung der Lebewesen in Tierarten erfolgt ihrer Ansicht nach durch willkürliche Kriterien (vgl. Personale Kategorisierung). Dazu gehört insbesondere die Abgrenzung des Menschen vom restlichen Tierreich.

Als Konsequenz der Ablehnung des Speziesismus wird die ethische Auflage des Veganismus betrachtet, einschließlich der Ablehnung auf Haus- und Reittiere. Denn wenn es unethisch ist, Menschen zu töten oder aus wirtschaftlichen Gründen bzw. zur eigenen Unterhaltung einzusperren, und es keinen wesentlichen Unterschied zwischen Menschen und anderen Tieren gibt, so ist auch die Tiernutzung und -haltung unethisch.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Vorwurf gegenüber der Tierschutzbewegung

Der Begriff wird auch (von Tierrechtlern) gebraucht, um vermeintlichen Tierschützern eine gewisse Doppelmoral vorzuwerfen.

So stoßen beispielsweise folgende Praktiken im westlichen Kulturraum vielfach auf Ablehnung:

Gleichzeitig sind folgende Praktiken aber weitgehend akzeptiert:

[Bearbeiten] Kontroversen

[Bearbeiten] Abgrenzung zwischen Tieren und Pflanzen

Mit dem Fokus auf das Tierreich kann die Haltung der Tierrechtler als selbstwidersprüchlich interpretiert werden, da die Grenze zwischen Tierreich und anderen Lebewesen selbst verschwommen ist. Als Beispiel sei eine gängige biologische Definition des Begriffs "Tier" erwähnt (diese Definition schließt den Menschen ins Tierreich mit ein):

Ein Tier ist demnach ein Lebewesen, welches:

  1. mehrzellig ist
  2. einen eukaryotischen Zellaufbau besitzt
  3. heterotroph lebt
  4. und Bewegungsfähigkeit besitzt

Die klare Abgrenzung gestaltet sich, wie die obige Aufstellung zeigt, als ausgesprochen schwierig. So erfüllen Pilze die ersten drei Kriterien, aber nicht das letzte. Amöben erfüllen wiederum die letzten drei Kriterien, aber nicht das erste. Dennoch ist bereits diese Definition problematisch, da es Lebewesen gibt, die zum Reich Animalia zählen, aber nicht bewegungsfähig sind (beispielsweise Schwämme). Diese Einordnung lässt sich nur noch evolutionstheoretisch erklären, genauer, aus Darwins Theorie der gemeinsamen Abstammung, wonach der letzte gemeinsame Vorfahre von modernen Schwämmen und den Tierarten nach obiger Definition etwa 600 Millionen Jahre später lebte als der letzte gemeinsame Vorfahre von Tieren und Pflanzen.

Doch selbst ohne diese Maßnahme können die obigen Kriterien unter ethischen Gesichtspunkten als willkürlich betrachtet werden. So lässt sich beispielsweise in nächster Konsequenz auch keine ethisch relevante Grenze zwischen dem Tierreich und dem Pflanzenreich konstatieren. Frutarier versuchen dieses Problem zu lösen, indem sie sich nur von Pflanzenteilen ernähren, die gewonnen werden können, ohne der Pflanze Schaden zuzufügen. Dies beinhaltet Früchte, Fruchtgemüse, Samen (wie auch Hülsenfrüchte) und Nüsse, nicht jedoch Wurzel- und Blattgemüse, sowie Kräuter. Auch ein Verzicht auf Holz und Papier ist die logische Konsequenz. Daher ist zu berücksichtigen, dass Pflanzen nicht Schmerz empfinden können und nicht leidensfähig sind. Somit unterscheiden sich die Ansichten eines Frutarier völlig von den Überzeugungen eines Antispeziesisten.

Viele Veganer definieren ihre Ethik hingegen nicht auf der Zugehörigkeit zum Tierreich, sondern auf der Fähigkeit des betreffenden Organismus, Schmerz und Leid zu empfinden. Dabei wird meist vorausgesetzt, dass hierfür ein zentrales Nervensystem erforderlich ist. Obwohl dieses Kriterium nicht alle Tiere einschließt, schließt es alle in Hinblick auf menschliche Nutzung relevanten Tiere, und nur Tiere, ein; für praktische Zwecke ist es daher gleichbedeutend mit der Ablehnung auf jegliche Tiernutzung (bzw. Tierausbeutung).

[Bearbeiten] Doppelmoral

Der Vorwurf des Speziesismus scheint nur dem Menschen gemacht zu werden, anderen Tierarten, die sich artgerecht ernähren, wird nicht vorgeworfen, speziesistisch zu sein. Praktisch wäre es auch kaum möglich, einem Hai oder Löwen die carnivore Ernährungsweise vorzuwerfen. Hier kann man dem Konzept des Speziesismus den Vorwurf der Doppelmoral machen: Menschen sollen kein Fleisch essen, andere Tierarten werden dennoch als Raubtiere geduldet, obwohl es dem Beutetier egal sein dürfte, von wem es getötet wird.

Ein Gegenargument gegen den Vorwurf der Doppelmoral ist, dass Ethik nicht natürlich ist und die Erwartung ethischer Handlungsweisen von einem Wesen, das mangels Sprache oder Intelligenz keine Ethik formulieren kann, sinnlos ist. Der Vorwurf impliziert, dass, weil Antispeziesisten die Verteidigung der Beutetiere gegenüber ihren unintelligenten Räubern nicht für ethisch geboten halten, eine vergleichbare Handlungsweise von einem intelligenten Räuber, also einem Menschen, ethisch gleich zu bewerten wäre. Der Begriff Doppelmoral impliziert weiterhin, da er nicht wertfrei ist, sondern abwertend gemeint ist, dass Ethik unabhängig von den Agierenden sein müsse, was zu begründen wäre. Kastensysteme und sozialer Status sind in der Geschichte wiederholt für den Versuch verwendet worden, Rangordnungen höherer Ethik zu etablieren.

[Bearbeiten] Anwendbarkeit

Was Antispeziesisten vorgeworfen wird, ist u.a. mangelnder Sinn für die realen Verhältnisse, hervorgerufen durch die optimierte Versorgung mit Nahrung in den Industrieländern, die allerdings keineswegs den Lebensumständen in Entwicklungsländern oder auch nur der westlichen Welt in früheren Zeiten entspricht.

Hinsichtlich mangelnden Sinns für die realen Verhältnisse wendet man ein, dass existierende Zustände kein Maßstab für Ethik sein können. Ethik muss sich aus theoretischen Betrachtungen ergeben, und die realen Verhältnisse müssen sich daran messen lassen. Außerdem gilt, dass der Verzehr von Fleisch zwar effizienter ist als der Verzehr von vielen pflanzlichen Nahrungsquellen; aber Mehl, Zucker und Seitan sind sehr nahrhafte pflanzliche Nahrungsquellen, das Problem der Nahrungseffizienz ist also schon vor längerer Zeit gelöst worden. Was bleibt, ist die Ineffizienz der tierischen Nahrungsquellen, weil die Energieeffizienz eines Tieres als Nahrungsquelle mit etwa 10% approximiert werden kann, verglichen mit dem unmittelbaren Verzehr pflanzlicher Nahrung. Diese Ineffizienz mag Fleisch als Handelsware attraktiv machen, die, durch höhere Produktionskosten, auch einen höheren Gewinn erwirtschaften kann. Darüberhinaus ist in den industrialisierten Ländern eher das Problem der Überernährung als das der Unterernährung zu lösen.

[Bearbeiten] Evolutionistische Kritik

Eine grundsätzliche Kritik am Speziesismus ist jene, die die Frage stellt, weshalb Speziesismus überhaupt verdammenswert ist. Die Evolution beruht auf Wettbewerb zwischen Arten, und dass der Mensch in der Lage ist, andere Arten zu dominieren und zu seinem Vorteil zu nutzen, kann als positive Errungenschaft angesehen werden, die keineswegs immer selbstverständlich war.

Die Frage, warum Speziesismus überhaupt verdammenswert sei, lässt sich jedoch verschärfen, indem man die Frage stellt, warum Rassismus falsch sein kann, wenn man denn dazu in der Lage ist, andere Länder auszubeuten und zu unterdrücken. Es lässt sich ebenso argumentieren, dass die Menschheit die Evolution hinter sich gelassen hat und Bildung der relevante Maßstab sein könnte, um sich von weniger hoch entwickelten Wesen (Menschen) zu unterscheiden, bis möglicherweise Transhumanismus neue, künstliche Kriterien schafft. Die Anwendung humanistischer Ideale auf den Homo sapiens und die Abgrenzung von anderen Primaten ist zwar genetisch begründbar, aber warum sollte genetische Abstammung das bestimmende Kriterium sein? Diese Abgrenzung drängt sich auf, sei aber letztendlich beliebig gewählt. Eine mögliche (zukünftige) transhumane Gesellschaft könnte dem Homo sapiens, aus dem gleichen Grund und seinem Vorbild folgend, auch mit Speziesismus begegnen.

[Bearbeiten] Ethische Fundamentalanalyse

Kritiker, wie Ulrich Körtner [1], behaupten, eine Gleichsetzung des Speziesismus mit Rassismus oder Chauvinismus sei absurd und grundsätzlich falsch, weil die ihrer Meinung nach einzigartige, unverletzliche und heilige Würde des Menschen ausschließlich auf seiner Fähigkeit zur moralischen Einsicht beruhe. Die Verantwortung für den Mitmenschen entspringe also dieser Tatsache. Schließlich könne man den sogenannten Speziesismus mit dem Argument der Gleichbehandlung auch mit demselben Recht auf Pflanzen, Atome oder Waschmaschinen ausweiten, da sich keine feste Grenze zwischen belebter und unbelebter Natur aufzeichnen ließe. Es werde verständlich, dass eine Ethik somit auf mehr als formalen, utilitaristischen Prinzipien (gleiche Berücksichtigung von Interessen) fußen müsse, um überhaupt bedeutend sein zu können.

[Bearbeiten] Siehe auch

[Bearbeiten] Quellen

  1. http://www.univie.ac.at/zoologie/TheoretBio/Ehrfurcht.doc

[Bearbeiten] Literatur

  • Mensch. Macht. Tier. Antispeziesismus und Herrschaft, antispe buchprojekt (hrsg.), Verlag SeitenHieb. ISBN 978-3-86747-013-1

[Bearbeiten] Weblinks

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