Betrugsfälle im Schach
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Betrugsfälle im Schach sind Fälle, in denen in der Schachwelt bewusst andere getäuscht wurden. Durch Vorspiegelung falscher Tatsachen oder Nutzung unerlaubter Hilfsmittel wurde dabei versucht, sich einen Vorteil gegenüber Anderen verschaffen. Es muss sich dabei nicht um einen Betrug im juristischen Sinn handeln.
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[Bearbeiten] Arten des Betrugs
[Bearbeiten] Elektronische Hilfsmittel bei Schachturnieren
- Clemens Allwermann betrog 1998 beim Böblinger Open, indem er sich Züge mittels eines unter langen Haaren verborgenen Mini-Ohrhörers übermitteln ließ. Seine Turnierleistung lag dabei weit über dem Ergebnis, das aufgrund seiner DWZ zu erwarten gewesen wäre, und die gespielten Züge waren mit Fritz rekonstruierbar. Zudem machte sich Allwermann verdächtig, indem er in der letzten Runde dem Großmeister Sergej Kalinitschew ein für menschliche Spieler kaum nachvollziehbares Matt in acht Zügen ankündigte. Allwermann gewann das Turnier und 1660 DM Preisgeld.[1] Während ein Ermittlungsverfahren durch die Staatsanwaltschaft mangels Beweisen eingestellt wurde, verhängte der Bayerische Schachbund gegen Allwermann eine Sperre.[2]
- Wolfgang Siegler betrog 2002 bei einem Open, indem er auf der Toilette Pocket Fritz zur Analyse einer laufenden Partie benutzte. Der Schwindel flog auf, als der Schiedsrichter dem Verdacht nachging und über die Toilettenwand schaute. Siegler stand mit den Füßen parallel zur Tür, der normale Toilettengebrauch war in dieser Stellung unmöglich. Daher ging der Schiedsrichter von einem Betrug aus, als er vorher unter der Tür durchsah.[3]
- Der indische Spieler Umakant Sharma, der seine Elo-Zahl innerhalb von anderthalb Jahren von 1930 auf 2484 steigerte,[4] wurde im Dezember 2006 vom indischen Schachverband für 10 Jahre gesperrt. Ihm wurde nachgewiesen, bei einem Turnier in Neu-Delhi unter einer Mütze einen Bluetooth-Empfänger verborgen zu haben.[5]
[Bearbeiten] Manipulationen während einzelner Schachpartien
- Während einer Partie werden gelegentlich regelwidrig Fehlzüge zurückgenommen. Dabei ergibt sich oft ein Beweisproblem, wenn der betreffende Spieler bestreitet, die Figur bereits losgelassen zu haben, und sich auf die J'adoube-Regel beruft. Ist kein Schiedsrichter zugegen, steht dann meist Aussage gegen Aussage. Bekannte Fälle sind:
- Milan Matulović in seiner Partie gegen István Bilek beim Interzonenturnier Sousse 1967. Der Protest Bileks wurde abgewiesen, die Partie endete Remis.
- Garri Kasparow in seiner Partie gegen Judit Polgár in Linares 1994. Der Regelverstoss wurde erst nach Ende der Partie, die von Kasparow gewonnen wurde, durch eine Videoaufzeichnung zweifelsfrei belegt.[6]
- Surab Asmaiparaschwili gegen Wladimir Malachow bei der Europameisterschaft in Istanbul 2003. Dieser Fall ist deswegen bemerkenswert, weil Malachow einer Rücknahme des Zuges zustimmte. Dies wurde teilweise als faire Geste, teilweise aber auch als unsportliches Verhalten angesehen, da das Ergebnis der Partie auch die Platzierung unbeteiligter Spieler beeinflusste.
[Bearbeiten] Manipulierte Turniere und Partieabsprachen
- Es kommt immer wieder vor, dass ganze Turniere erfunden werden, die offenbar überhaupt nicht stattgefunden haben. Die dort angeblich erspielten Ergebnisse werden dann von einigen Spielern zur Verbesserung ihrer Elo-Zahl oder zur Erringung von Titelnormen genutzt. Aufsehen erregende Beispiele aus jüngerer Zeit waren u.a. der "Kali-Cup" in Ungarn 2004[7] und das Turnier "Helden von Tschernobyl" in der Ukraine 2005.[8]
- Der rumänische Geschäftsmann Alexandru Crisan kam durch manipulierte Turniere, deren Partien nie veröffentlicht wurden, auf eine Elo-Zahl von 2635, womit er zu den 50 besten Spielern der Welt gehört hätte.[9]. Im Juli 2001 trat Crisan bei einem Großmeisterturnier in Portorož an und erzielte dort lediglich einen halben Punkt aus neun Partien, was einer Elo-Leistung von 2130 entspricht.[10] Eine Untersuchungskommission des Weltschachverbands FIDE kündigte an, Crisan seine Titel und seine Wertungszahl zu entziehen,[11] die Entscheidung wurde aber nicht umgesetzt.
[Bearbeiten] Hochstaplerei
- Raimondas Senkus narrte die Schachkompositionswelt über Jahre hinweg bis 1992 mit gefälschten Stücken.
- Claus-Peter Schoschies behauptete 2004 unter anderem, in internationalen Schachkompositions-Löseturnieren teilgenommen zu haben. Er wurde von den Lesern der Ostsee-Zeitung zum Sportler des Jahres 2004 gewählt und erhielt mehr als 6000 Euro für eine angebliche Reise zu den Olympischen Spielen nach Athen. Von ihm benannte Namen und Organisationen sind im Problemschach jedoch völlig unbekannt und ließen sich nicht nachweisen.[12]
- Mario Seitz log seinem Arbeitgeber angebliche Schacherfolge vor, unter anderem wollte er die Schacholympiade in Turin gewonnen haben.[13] Dabei bedachte er offenbar nicht, dass die Schacholympiade eine Mannschaftsveranstaltung ist und von Armenien gewonnen wurde.[14]
[Bearbeiten] Konsequenzen
Die ständige Weiterentwicklung von Schachprogrammen für Handheld-Computer, Mobiltelefone und ähnliche Geräte stellt einen Anreiz dar, in Turnierpartien derartige Hilfsmittel zu nutzen. Aus diesem Grund gibt es inzwischen ein flächendeckendes Handy-Verbot bei Schachturnieren. Obwohl die bewiesenen (oder auch nur halbwegs begründeten) Verdachtsfälle extrem selten sind, entsteht daraus eine Atmosphäre, in der überraschend gute Leistungen von schwächer eingestuften Spielern mit Argwohn betrachtet werden. Ein solcher Fall ereignete sich z.B. beim Turnier "Lichtenberger Sommer" im Jahre 2003.[15] Er wurde auch in der Zeitschrift Schach ausführlich kommentiert, blieb jedoch schließlich ohne Folgen, da sich der Verdacht nicht erhärten ließ und wohl auch unbegründet war.
Betreiber von Schachservern disqualifizieren regelmäßig Spieler, bei deren Partien eine zu große Übereinstimmung mit Computerzügen festgestellt wird. Immer größerer Beliebtheit erfreut sich das Bullet-Schach, weil es dabei aufgrund der kurzen Bedenkzeit so gut wie unmöglich ist, nebenbei ein Schachprogramm zu Rate zu ziehen.
Für das öffentliche Ansehen des Schachsports ist es sehr nachteilig, wenn er durch Betrugsaffären in die Schlagzeilen gerät. Andererseits sind z.B. die oben genannten Fälle "Schoschies" und "Seitz", die von der jeweiligen Lokalpresse über lange Zeit mit großem Wohlwollen aufgenommen wurden, ein Beleg dafür, wie wenig die Öffentlichkeit und selbst die Presse über das Schachleben weiß.
Siehe auch: Schachtürke
[Bearbeiten] Quellen
- ↑ Hartmut Metz: Mit der Lizenz zum Schummeln
- ↑ Hartmut Metz: Widersprüchliche Entscheidungen im Fall Clemens Allwermann
- ↑ Hartmut Metz: Betrügen auf der Toilette
- ↑ Ratingentwicklung in der FIDE-Datenbank
- ↑ The Hindu, 27. Dezember 2006
- ↑ The Kasparov touch-move controversy
- ↑ FIDE-Entscheidung zum Kali-Cup 2004
- ↑ Chessbase über das Turnier 2005 in der Ukraine mit Verweis auf weitere Quellen
- ↑ Leontxo Garcia: Crisan, der Schwindler aus den Karpaten
- ↑ Turniertabelle
- ↑ FIDE ruling on Alexandru Crisan
- ↑ Artikel über Claus-Peter Schoschies
- ↑ Mario Seitz gewinnt angeblich die Schacholympiade in Turin 2006und Richtigstellung
- ↑ Bericht über die Schacholympiade in Turin 2006
- ↑ Bericht vom Lichtenberger Sommer 2003