Julisch Venetien
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Julisch Venetien (italienisch Venezia Giulia, slowenisch Julijska Krajina) ist eine historische Region an der Oberen Adria in Mitteleuropa.
Die Region wird im Norden von den Julischen Alpen und im Süden vom Golf von Triest und dem Kvarnergolf begrenzt. Sie umfasst das Einzugsgebiet des Isonzo, Istrien und das Karsthochland im Hinterland von Triest.
Julisch Venetien ist ein Kunstbegriff, der 1863 von dem italienischen Linguisten Graziadio Ascoli vorgeschlagen wurde. Bis dahin war der damals zu Österreich gehörende Landstrich als Österreichisches Küstenland (italienisch Littorale austro-illirico, slowenisch Primorje) bekannt. Im Italienischen wurde der Begriff schnell dominierend, während sich im Slowenischen und Deutschen die ältere (und bis zum Ende der Habsburgermonarchie amtliche) Bezeichnung hielt. In Slowenien bezeichnet Primorska bis heute eine slowenische Region, während Julijska Krajina auch weite Teile der italienischen Region Friaul-Julisch Venetien umfasst.
Heute verteilt sich Julisch Venetien auf die Staaten Italien (Provinzen Görz und Triest in der Region Friaul-Julisch Venetien), Slowenien (Primorska) und Kroatien (Gespanschaft Istrien und Teile der Gespanschaft Primorje-Gorski kotar). Das Gebiet mit einer Fläche von ca. 9.900 km² hat etwa 1,1 Millionen Einwohner. Wichtigste Stadt ist bis heute Triest, dessen Funktion als wirtschaftliches und kulturelles Zentrum der Region allerdings stark unter der 1945/1946 vollzogenen Teilung und der darauffolgenden jahrzehntelangen Lage am Eisernen Vorhang gelitten hat.
[Bearbeiten] Geschichte
Bis zum Ersten Weltkrieg gehörte Julisch Venetien zu Österreich-Ungarn. Durch den Vertrag von Saint-Germain 1919 wurde das Gebiet 1920 an das Königreich Italien angeschlossen. Verwaltungsmäßig wurde das Gebiet in die Provinzen Görz, Triest und Pola (Pula) geteilt. 1924 kam noch die Provinz Fiume (Rijeka) dazu.
Zum damaligen Zeitpunkt war das Gebiet je ungefähr zur Hälfte italienisch und slawisch besiedelt. Dabei konzentrierte sich die italienische Bevölkerung auf die größeren Städte und die Küstenorte, während das Karsthinterland hauptsächlich von Slowenen (im Norden) und Kroaten (im Süden) besiedelt war. Die massive Italianisierungspolitik des faschistischen Mussolini-Regimes in den 1920er- und 1930er-Jahren mit ihrer systematischen Verfolgung der slawischen Bevölkerung führte zur Auswanderung von Zehntausenden Slowenen und Kroaten nach Jugoslawien.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Julisch Venetien durch den Friedensvertrag von Paris 1947 geteilt: Der Großteil des Gebiets (Istrien und die Kvarnerbucht) wurde Teil Jugoslawiens. Nun wiederholten sich die Auswanderungen in die Gegenrichtung: Praktisch die gesamte italienische Bevölkerung des nunmehr jugoslawischen Teils wanderte aus.
Einen gewissen Ansatz zu einem zumindest teilweise weiterhin vereinigten, multiethnischen Julisch Venetien stellte das Freie Territorium Triest (FTT) dar, das Triest und den Nordwesten Istriens umfasste. Die Polizei im britisch-amerikanisch besetzten Teil dieses Territoriums trug sogar den Namen des Gebiets: Venezia Giulia Police Force (VGPF). Das Experiment FTT scheiterte jedoch, und 1954 wurde Julisch Venetien durch das Londoner Memorandum zwischen Italien und Jugoslawien aufgeteilt: Die Stadt Triest und ein schmaler Landzipfel als Verbindung zum Rest Italiens wurde Italien, ganz Istrien und die Gebiete östlich von Görz wurden Jugoslawien zugesprochen. Endgültig bilateral zwischen Italien und Jugoslawien fixiert wurde diese Teilung 1975 durch den Vertrag von Osimo. Seit der Unabhängigkeit Sloweniens und Kroatiens 1991 verteilt sich die Region auf drei Staaten.
Heute gibt es zwischen den lange Zeit verbundenen Gebieten allmählich wieder vermehrte kulturelle und wirtschaftliche Kontakte. Die jeweiligen sprachlichen Minderheiten werden vor allem in Italien und Slowenien auch von staatlicher Seite wieder vermehrt geschützt, und das lange Zeit problematische Verhältnis zwischen slawischer und italienischer Bevölkerung beginnt sich wieder allgemein zu entspannen.
[Bearbeiten] Literatur
- Kurt F. Strasser, Harald Waitzbauer: Über die Grenzen nach Triest. Wanderungen zwischen Karnischen Alpen und Adriatischem Meer. Wien-Köln-Weimar 1999