August Thalheimer
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August Thalheimer (* 18. März 1884 in Affaltrach, heute Obersulm, Württemberg; † 19. September 1948 in Havanna) war ein deutscher marxistischer Politiker und Theoretiker.
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[Bearbeiten] Leben
[Bearbeiten] Jugend
Geboren als Kind einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Affaltrach (heute Gemeinde Obersulm) in Württemberg, nahm er ein Studium der Sprachwissenschaft und der Ethnologie auf, promovierte zum Thema Pronomen in den Sprachen Mikronesien und trat kurz darauf in die SPD ein.
[Bearbeiten] Politiker
Nach seiner Promotion arbeite er kurz als Volontär bei der Leipziger Volkszeitung und übernahm dann die Redaktion in zwei weiteren dem linken Parteiflügel nahestehenden, sozialdemokratischen Zeitungen, der Göppinger Freien Volkszeitung (1911-1912) und beim Volksfreund in Braunschweig (1914-1916). Nach Kriegsausbruch 1914 schloss er sich als Gegner der Burgfriedenspolitik dem Kreis um die SPD-Linken Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg an, denen er in den Spartakusbund und in die KPD folgte. Wegen seiner Antikriegsaktivitäten wurde Thalheimer Mitte 1916 zum Militär einberufen, wo er wegen "politischer Unzuverlässigkeit" und Nachtblindheit keine Waffe tragen durfte und bis zu seiner Entlassung im September 1918 als Armierungssoldat und Dolmetscher eingesetzt wurde.
Von 1919 bis 1924 war er Mitglied der Zentrale der KPD. Er entwarf das Parteiprogramm und leitete 1923/24 gemeinsam mit Heinrich Brandler die Partei. Als KPD-Funktionär geriet er in Konflikt mit der ab 1924 vorherrschenden „ultralinken“ Parteilinie von (Ruth Fischer und Arkadi Maslow) welche ihm und Brandler ein Versagen bezüglich des Hamburger Aufstandes im Oktober 1923 vorwarfen und musste die folgenden Jahre in Moskau verbringen, wo er am Marx-Engels-Institut Philosophie lehrte.
[Bearbeiten] Rückkehr nach Deutschland
Gegen den Willen der Komintern kehrte er 1928 nach Deutschland zurück. Er lehnte von nun an eine Übertragung der Methoden Stalins auf die Komintern und auf Deutschland ab, wie sie die KPD unter Führung Ernst Thälmanns unkritisch propagierte, auch wenn er weiterhin orthodoxer Marxist blieb und die Sowjetunion als „sozialistischen Staat“ verteidigte. Die SED dankte ihm dies später schlecht. In dem sinnstiftenden Propagandafilm Ernst Thälmann - Sohn seiner Klasse (1954, Regie Kurt Maetzig), der das offizielle Geschichtsbild der SED kurz vor der Entstalinisierung widerspiegelt, wird er als amerikanischer Agent dargestellt.
[Bearbeiten] KPD-Dissident
Thalheimer sammelte "rechtskommunistische" Abweichler um sich und gründete mit Heinrich Brandler die Kommunistische Partei-Opposition (KP-O), eine wenige tausend Mitglieder zählende, auf Wahlebene unbedeutende Organisation, die von der SPD als „KP-Null“ verhöhnt wurde. 1933 emigrierte er nach Frankreich, wo er die Exilstrukturen der KPO leitete, von wo ihm nach dem deutschen Einmarsch 1941 die Flucht nach Kuba gelang. Dort starb er 1948.
[Bearbeiten] Faschismustheoretiker
Bedeutung erlangte Thalheimer durch seine Interpretation des Faschismus, die er ab 1928 in mehreren Aufsätzen vorlegte. Thalheimer deutete ihn abweichend von der orthodoxen KP-Interpretation und in Anlehnung an Marx´ Bonapartismustheorie als gerade nicht wesensidentisch mit dem Kapitalismus: Aufgrund eines Kräftegleichgewichts im Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat hätten die faschistischen Bewegungen in Deutschland und Italien mit ihrem Massenanhang aus deklassierten oder von der Deklassierung bedrohten Angehörigen aller Klassen in relativer Autonomie von der Bourgeoisie die politische Exekutive erobern können. Zwar vertrete er objektiv noch die Interessen der Bourgeoisie, insofern er sie mit terroristischen Mitteln gegen die vermeintlich heranstürmende Revolution verteidigte. Dennoch sei er politisch unabhängig von ihr gewonnen, sodass sich auch die Versuche der faschistischen Exekutive, zwischen den Klassen zu vermitteln, und sogar Übergriffe der Faschisten auch gegen Unternehmer erklären ließen. Der Marburger Politikwissenschaftler Wolfgang Abendroth gab in den sechziger Jahren Thalheimers Aufsätze neu heraus. Sie gaben den faschismustheoretischen Diskussionen der 68er-Bewegung wichtige Impulse und beeinflussten Historiker und Politologen wie Timothy W. Mason und Reinhard Kühnl.
[Bearbeiten] siehe auch
[Bearbeiten] Weblinks
- Literatur von und über August Thalheimer im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Primärtexte in Marxists’ Internet Archive
- Primärtexte in der Marxistischen Bibliothek
- Thalheimer: Strategie und Taktik der Kommunistischen Internationale
- Thalheimer. Zur Erinnerung an einen revolutionären Kommunisten
Karl Liebknecht/Rosa Luxemburg | Leo Jogiches | Paul Levi | Paul Levi/Ernst Däumig | Ernst Meyer | Heinrich Brandler/August Thalheimer | Hermann Remmele | Ruth Fischer/Arkadi Maslow | Ernst Thälmann/Philipp Dengel | Ernst Thälmann | Wilhelm Pieck | Max Reimann
Personendaten | |
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NAME | Thalheimer, August |
KURZBESCHREIBUNG | deutscher Marxist |
GEBURTSDATUM | 18. März 1884 |
GEBURTSORT | Affaltrach, Obersulm, Württemberg |
STERBEDATUM | 19. September 1948 |
STERBEORT | Havanna, Kuba |